NSU-Rechtsterrorismus

"Dringend verdächtigt"

Am Mittwochmorgen wurde der langjährige Mitarbeiter der Düsseldorfer Aids-Hilfe Carsten S. von Einsatzkräften der GSG 9 verhaftet, Bundesanwaltschaft und Polizei durchsuchten seine Wohnung. Der heute 31-Jährige ist laut Bundesanwaltschaft "dringend verdächtigt", der "Zwickauer Terrorzelle" Waffe und Munition beschafft und damit "Beihilfe zu sechs vollendeten und einem versuchten Mord der terroristischen Vereinigung 'Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)' geleistet zu haben".

Aus seiner rechtsradikalen Vergangenheit habe S. nach einem Bericht der Online-Ausgabe der "Rheinischen Post" nie einen Hehl gemacht. Im Zuge der Ermittlungen erklärte er zuletzt Ende Januar über seinen Kölner Rechtsanwalt Jacob Hösl: "Ich bin im Jahre 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen. Seitdem habe ich mich davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut." Vom Waffenlager der Zwickauer Zelle habe er nichts gewusst.

Die Bundesanwaltschaft gab heute jedoch andere Ermittlungsergebnisse an die Öffentlichkeit. S. sei 1999 und 2000 aktiv im rechtsextremistischen "Thüringer Heimatschutz" aktiv gewesen. "Bis 2003 unterhielt er Kontakte in rechtsradikale Kreise" und stand dabei in enger Verbindung zu den 1998 untergetauchten Beate Z., Uwe B. und Uwe M., zeitweilig gar als Einziger aus dem NSU-Umfeld.

"Angesichts seiner engen persönlichen und ideologischen Verbindung zu den 'NSU'-Mitgliedern soll der Beschuldigte billigend in Kauf genommen haben, dass die Schusswaffe für rechtsextremistische Morde verwendet werden könnte", so die Bundesanwaltschaft, um dann einzuschränken: "Bislang ist allerdings ungeklärt, ob sie tatsächlich für terroristische Straftaten des 'NSU' eingesetzt worden ist."

Health!Angel und Simpsons-Fan

Wann immer Carsten S. auch wirklich ausgestiegen sein mag, in Düsseldorf jedenfalls führte er ein komplett anderes Leben. Bei der Aids-Hilfe Düsseldorf zeichnete er an der Seite von Hauptamtler Marco Grober für die Kordination der Health!Angels verantwortlich, einer Präventionstruppe, die mit "bunten Aktionen und immer wieder neuen Ideen" in der schwulen Szene zur Aufklärung zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten beitragen will.

Im 2011 eröffneten schwul-lesbischen Jugendzentrum Puls gehörte er zum dreiköpfigen Hauptamtler-Team, hatte zuletzt allerdings seine Stunden dort reduziert. In seinem am Mittwochnachmittag nach wie vor zugänglichen Mitarbeiterprofil auf der Website des 2011 eröffneten Puls nennt der ehemalige KFZ-Lackierer "Musik hören, tanzen, Freunde treffen" als seine liebsten Freizeitbeschäftigungen, im Fernsehen faszinieren ihn die Nachrichten und TV-Serien wie "Six Feet Under" und "Simpsons".

Geschäftsstellen belagert

Sowohl die Geschäftsräume der lokalen Aids-Hilfe als auch das Jugendzentrum Puls wurden am Mittwoch von Kamerateams und Reportern belagert, nachdem die Meldung ihre Runde gemacht hatte.

+++++ Update, 17.50 Uhr +++++

Auf einer für 16.30 Uhr anbelangten Pressekonferenz in den Räumen der Düsseldorfer Aids-Hilfe zeigte sich Geschäftsführer Peter von der Forst "erschrocken darüber, dass ein Mitarbeiter von uns unter diesen Vorwürfen verhaftet worden ist. Die Vorstände, Geschäftsführung und Mitarbeiter distanzieren sich in aller Deutlichkeit von der rechten Szene und ihrem Gedankengut", so von der Forst. Die Kollegen in der Johannes-Weyer-Straße seien darüber informiert gewesen, dass er "früher in der rechten Szene unterwegs gewesen ist". Von Terrorgruppen oder ähnlichem sei dabei allerdings keine Rede gewesen. Einen Grund, Carsten S. zu misstrauen, habe man nicht gehabt. "Völlig in Ordnung" sei seine Arbeit stets gewesen. "Weder mit dem Gedankengut noch mit der Szene" habe Carsten S. noch irgendetwas zu tun gehabt - das zumindest habe er Peter von der Forst glaubhaft versichert und sei von sich aus mit seiner Vergangenheit auf die Geschäftsführung zugegangen. Man habe es daher für sinnvoll gehalten, ihm "eine Chance zu geben".

"Natürlich ist das immer eine bedenkliche Sache - gerade in einer Einrichtung wie der Aids-Hilfe." Wie nun arbeitsrechtlicht mit ihm weiter umzugehen sei, möchte die Aids-Hilfe mit ihrem Anwalt beraten. Abwarten müsse man aber erst noch die weiteren Erkenntnisse im laufenden Verfahren: "Ich kenne nichts anderes, als das, was man in den Medien und im Internet lesen kann."

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