Rezension: Nachts wenn Schatten...

Oh Mann, da musst Du eigentlich ein Buch drüber schreiben! Wie oft hat man diesen Satz schon gehört oder gesagt. Aber ein Buch ist nie draus geworden. Nicht so bei Gianni Jovanovic. Der ist seit kurzem Hauptdarsteller eines Buches. Und darin wird genau das Realität: sein Leben in Worten. Die Autorin Katja Behrens hat es aufgeschrieben und einen Roman daraus gemacht, der Gianni unter dem Namen Nono begleitet.

Ein holpriger Anfang

Schon Nonos erste Schritte ins Leben sind nicht wirklich gradlinig. Er kommt auf die Welt, aber so ganz mag er nicht. Er wird gepäppelt und mit Medikamenten behandelt, erholt sich aber nicht wirklich. Seine Mutter wird aus dem Krankenhaus entlassen, der Kleine muss da bleiben. Warum versteht kaum jemand, was an den mangelnden Sprachkenntnissen liegen kann. In der Familie wird Roma gesprochen, doch die Welt um sie herum spricht deutsch. Nonos Zustand wird schlechter, bis die Familie beschließt, ihn „da raus zu holen“. Und so wird der Kleine in den Schoß der Familie zurück gekidnappt und es geht auf Reisen.

Kleiner Mann mit großer Verantwortung

Nono wächst in einem Umfeld heran, in dem sich alles nur um die Familie dreht, die Außenwelt ist feindlich. Wer will schon Roma in unmittelbarer Umgebung. Der Spruch „Holt die Wäsche von der Leine, die Zigeuner kommen!“ wird banalste aber auch übelste Realität wo auch immer sie hinkommen. Die Stadt Darmstadt veranstaltet ein großes Festival über Roma Musik und lädt Roma-Familien aus der ganzen Welt ein. Als einige davon dann aber dort sesshaft werden wollen, ist es mit der Gastfreundschaft schnell vorbei. Die Reaktionen der Nachbarn reichen vom Wechseln der Straßenseite, über wegdrehen bis hin zur Brandstiftung.

Immer wieder muss die Familie weg, und auch Nono wächst mit großer innerer Unruhe zu einem jungen Mann. Aber er besucht die Schule und kann bald deutsch reden, verstehen und noch wichtiger: Lesen. So kann er der Familie die Behördenschreiben vorlesen und muss sich mühen, ihnen das Behördendeutsch verständlich zu machen. Er geht den ihm vorbestimmten Weg, er heiratet als Teenager, wie sein Vater, bekommt schnell einen Sohn und alles könnte gut sein, wäre da nicht eine andere Seite in ihm, die immer stärker von ihm Besitz ergreift. Mehr und mehr sehnt er sich nach Unabhängigkeit und Berührungen, die ganz anderer Natur sind.

Eine Ehrenrunde und ein Vulkan

Nono versteht irgendwann, dass er anders ist, als die Männer in seiner Familie. Er ahnt, dass ein Bekennen zu seinen Vorlieben, seiner Lust, seinem Verlangen nach den Berührungen eines anderen Mannes nachzugeben zum Bruch mit seiner Familie führen könnte. Das wäre das Schlimmste, was einem Roma passieren kann, denn ohne Deine Familie bist Du nichts. Und trotzdem bekennt sich Nono, offenbart sich und legt seine Zukunft in die Hand des Vaters. Der will das aber alles nicht wahrhaben und verordnet seinem Sohn das Roma-Allheilmittel. Der Junge muss auf Reisen. So dreht Nono also mit inzwischen zwei Kindern und Kegel eine Ehrenrunde, die aber nicht lange anhält, denn es brodelt tief in ihm.
Der Vulkan bricht aus, als Nono eines Tages Vincent kennen lernt. Der hält ungeachtet aller Roma-Hindernisse zu ihm und will nur eines: sein Leben mit ihm teilen. Und da fangen die Probleme erst richtig an.

Das gibt’s doch gar nich?

So oder so ähnlich geht es einem immer wieder durch den Kopf, wenn man dieses Buch liest. Ja es ist ein Roman, aber eine kurze Nachfrage bei Gianni Jovanovic ergibt: es ist ALLES wahr. Und das ist das Erschreckende. Es kann doch nicht sein, dass es Ende des 20. bzw. Anfang des 21. Jahrhunderts eine Parallelgesellschaft gibt, die komplett patriarchalisch organisiert ist, in der das Familienoberhaupt über Wohl und Wehe der einzelnen Familienmitglieder bestimmt. Eine Gesellschaft, in der Kinder oder Teenager einander heiraten und dann mit knapp dreißig schon Großeltern werden. Wo Brautgeld in zigtausendfachen Eurobeträgen ausgehandelt wird und die Braut auch schon mal zurückgegeben wird und dann als entehrt gilt. Eine Welt in der es kein schwul, lesbisch oder was auch immer geben darf. Und das alles mitten in Deutschland?

Doch, das gibt es!

Im Wechsel mit Roma-Liedern, Gedichten und Zitaten erzählt Katja Behrens Nonos/Giannis Geschichte in klaren Worten, die dann, wenn es wirklich extrem wehtun könnte doch nur andeuten. Und das ist das perfide an dieser Geschichte. Denn da, wo die geschriebenen Worte aufhören, da beginnt die eigene Fantasie und die führt zu Ende, was die geschriebenen Worte angefangen haben. Aus diesem Grund ist es auch nicht schlimm, dass die einzelnen Kapitel immer nur Schlaglichter auf Nonos Leben oder das seiner Familie werfen, ohne groß miteinander verbunden zu sein. So setzt sich schnell das eine Puzzleteilchen neben das nächste und ein Gesamtbild entsteht, das einfach nicht in diese aufgeklärte Zeit und diese offene Welt passen will. Mit Spannung, Ekel oder auch einfach nur Mitleid verfolgt man als Leser hier ein Leben. Immer wieder wird einem bewusst, dass hier der Autorin nicht die Fantasie durchgegangen ist, sondern dass sich zwischen diesen Buchseiten nur eines abspielt: Das wahre Leben!

Jeder, der sich in dieser Gesellschaft irgendwann mal durch das ein oder andere Comingout seinen Platz suchen und erkämpfen musste, sollte einen Blick auf diese Geschichte werfen. Der große Kampf um gleiche Rechte, Anerkennung und Respekt der Gesellschaft uns Minderheiten gegenüber findet nicht nur auf dem großen Politischen Parkett statt. Nein, die Schauplätze liegen immer wieder auch so blutig und verheerend im Kleinen, wie in diesem Buch beschrieben. Und doch liegt auch dort immer ein Schimmer Hoffnung drüber, die Hoffnung auf ein Happy End. „Nachts wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen“ ist ein Buch, das man gelesen haben muss.

Gebundenes Buch 24,00 Euro bei Amazon:
Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen: Roman. Ein Roma-Leben zwischen Tradition und Aufbruch

Zur Autorin Katja Behrens:

Katja Behrens wurde 1942 in Berlin geboren und ist in Wiesbaden aufgewachsen. Ab 1960 fertigte sie Übersetzungen aus dem Amerikanischen, u.a. William S. Burroughs. 1968 – 1970 in Israel. Ab 1973 war sie Verlagslektorin in Darmstadt. 1978 erfolgte der Schritt zur freiberuflichen Autorin. Zahlreiche Preise und Gastprofessuren zeichnen die Ausnahmeschreiberin aus.

Gianni Jovanovic lebt heute mit seinem Mann in Köln und ist Initiator der Internetseite queer-roma.de. Er hat weiterhin Kontakt zu seiner Familie und setzt sich für einen Wandel in den Traditionen der Roma ein.

 

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