Unterwegs mit dem Thalys

Mit dem Thalys nach Brüssel - Queere Kultur hautnah

Grundsätzlich kann mich der frühe Vogel ja mal, aber an diesem Montagmorgen komme ich einfach nicht drum herum, denn schon um 7.13 geht der Thalys ab Dortmund (www.thalys.de). Ziel ist die belgische Hauptstadt Brüssel. Irgendwie wollte ich das schon machen, seitdem die Verbindung ab Dortmund steht und heute hat es endlich geklappt. Also auf und des Nächtens zum Bahnhof. Ja Rot ist die Erkennungsfarbe dieses Hochgeschwindigkeitszuges französischer Herkunft. Diese Lebensart schlägt mir denn auch gleich beim Betreten des Waggons entgegen. Ich lasse mich in den bequemen Polstersessel fallen und harre der weiteren Geschehnisse. Na erste Klasse darf es schon sein, denn da sind im Preis dann auch noch WLAN, Zeitschriften und ein kleines Frühstück inbegriffen.

Die Strecke bis Köln über die großen Ruhrgebietsstädte läuft dann aber nicht in Hochgeschwindigkeit, aber das braucht es auch gar nicht, denn hier reist man ab dem Zusteigen in seiner Comfort-Zone und zwar bei jeder Geschwindigkeit. Von Köln sind es dann bis Brüssel gerade mal noch zwei Stunden. Und als der Thalys hinter Köln so richtig Fahrt aufnimmt, werden die Gedanken noch schneller und reisen dem Zug voraus. Was machen wir denn wohl heute in Brüssel? Nun es gibt ein Kulturprogramm, das sich gewaschen hat. Aber es bleibt uns ja auch nur dieser einer Tag.

Stadtrundgang durch Ixelles

Unter https://visit.brussels/de kann man sich perfekt vorab informieren und je nach Gusto sein Programm zusammenstellen. Für uns heißt es heute Kultur pur. Nach der Ankunft in Brüssel geht es im Kleinbus Richtung Ixelles. Mit der U-Bahn sind das aber auch nur einige Stationen. Das im Südosten der Stadt gelegene Viertel ist bekannt für seine Art Deco- und Jugendstil-Häuser. Albert heißt unser Führer von Arkadia (http://www.arkadia.be/en/tour/art-nouveau-and-art-deco-around-ponds-ixelles). Vor dem Art Deco Konzert-Palast Flagey machen wir den ersten Halt und lassen uns beeindruckende Fakten schildern. Das Haus ist auf Sand gebaut und nutzt zur Stabilisierung die gleiche Technik, mit der Venedig auf die Lagune gebaut wurde. Und schon geht es im strahlenden Sonnenschein weiter. Wir sehen so viel wundervolle Architektur. Ich könnte diesem Mann stundenlang hinterherlaufen… Oh schon vorbei. Auf zu einem kleinen Lunch im Variete (www.levarietes.be), direkt im Flagey Palast. Hier erwartet einen allerdings schon die gehobene Preiskategorie aber in den Straßen rund um den Place Flagey finden sich auch preiswertere und nicht weniger einladende Lokale.

Das queere Kultur-Highlight: Pierre et Gilles im Musée d’Ixelles

In „Clair-obscur“ (zu sehen noch bis zum 14.05.2017) finden sich unzählige Arbeiten des weltberühmten Künstlerpaares aus allen Epochen zu einer Ausstellung zusammen, die wie aus einem Guss wirkt. Wer kennt sie nicht, diese provozierend kitschigen Bilder der beiden französischen Künstler. Seit nunmehr 40 Jahren arbeiten beide zusammen und sind auch seit über 40 Jahren ein Paar. Sorgsam inszenierte Posen und Hintergründe fotografiert Pierre Commoy ab, die dann von Gilles Blanchard nachbearbeitet und bemalt werden. So sind im Laufe der Jahre Werke entstanden, die in der Kunstwelt ihresgleichen suchen. Aber auch die schwule Welt haben die beiden nachhaltig beeinflusst. Glatt, schön und perfekt bilden sie Ihre Modelle ab, erhöhen sie teilweise zu Heiligen. Aber auch ein junger Mann, der gerade auf den Boden gekackt zu haben scheint, findet sich in der Ausstellung. Ob Glitzer, Glamour, Historie oder Mythologie. So wurden sie im Laufe der Jahre zu wahren Ikonen. Lesbisch, Schwul, Männlich, Weiblich, Trans, berühmt oder No-name, egal. Zu nahezu jedem Thema haben die beiden inszeniert und sind sich auch nicht zu schade auch mal einen oder mehrere nackte Schwänze auf dem Bild zu haben… wenns passt. Und ob das passt.

Auch wenn die Erotik keinesfalls zu kurz kommt, merkt man doch klar den Willen etwas auszudrücken. Zu unserem großen Vergnügen haben wir einen der begehrten Plätze in der Vorabpräsentation der Ausstellung bekommen. Und jetzt der Hammer: Die Künstler sind anwesend. Diesen Weltstars merkt man vieles an, Freude an der Kommunikation, Liebe zur Kunst, Liebe und Bewunderung des schönen Männlichen, aber auch ein hehres Bild der Weiblichkeit. Starallüren? Fehlanzeige. Bescheiden und in männliches Schwarz gehüllt begleiten beide einen Tross Menschen durch ihre Ausstellung. Auf die Frage, welche Emotionen das auslöst, wenn sie eine solche Ausstellung vorbereiten, verrät Gilles: „Ein sehr schönes Gefühl. Es hat etwas von einem Familientreffen. Alle sind beieinander, die ansonsten an ganz unterschiedlichen Stellen auf diesem Erdball leben. Manch einen hat man vielleicht sogar schon fast vergessen und entdeckt ihn hier plötzlich wieder.“ Ob sie sich denn eigentlich als Weltstars fühlen will ich wissen. „Nein, überhaupt nicht“ entgegnet Pierre „das kam so langsam, das wir das kaum gemerkt haben und dann war es da.“ Liebevoll und geduldig stellen sich beide weiteren Fragen und man merkt, dass sie in sich ruhen und sich wohlfühlen. Wie schön.

Na gut, das sexy männliche Model, das sie begleitet posiert auf freundliches Bitten mal vor dem eigenen Porträt. Na da drücke ich doch auch mal den Auslöser!
Ach ja und schnell ein Argument für die Sparfüchse, wer mit dem Thalys anreist bekommt im Museum (http://www.museumofixelles.irisnet.be/en?set_language=en) auch noch Prozente.

Tagesabschluss mit Art Deco pur

Noch ganz beseelt geht die Tour weiter Richtung Villa Empain (www.villaempain.com). Mit einer ganz eigenen Geschichte kann dieses Juwel des Art Deco aufwarten und war nicht immer so ein Schmuckstück, wie es heute ist. 1930 im Auftrag des gerade einmal 22 jährigen Louis Empain begonnen, hatte sie nicht nur während der deutschen Besatzung Belgiens oder später als Botschaft der UdSSR eine bewegte Historie. Die Villa ist inzwischen ein Museum in dem man die Ausstellungsstücke auch im wahrsten Sinne des Wortes begreifen darf. Seit 2006 ist die Villa nun im Eigentum der Boghossian Stiftung, die sie zur heutigen Pracht restaurierte und liebevoll mit Ausstellungen belebt. Seit 2016 unter neuer Leitung stehen der Villa weitere, sicherlich sehr bewegende Ideen ins Haus.

Nach einer kurzen Ruhepause bringt uns der Minibus dann auch schon zur letzten Station des Tages, dem Bahnhof, denn es geht schon zurück. Die bekannten roten Polster umfangen uns und die Wirkung vom frühen Morgen wiederholt sich. Entspannt zurück lehnen und genießen. Da es auch erster Klasse zurückgeht, serviert man uns ein leckeres leichtes Abendessen mit passenden Getränken. Aber wie heißt es so schön, manchmal muss man sich einfach mal was gönnen. Und während wir heimatlichen Gefilden entgegenfahren lasse ich den Tag Revue passieren. Plötzlich fällt mir auf, ich habe ja gar keine klassischen Pommes und keine Waffel gegessen. Na wie verwunderlich, Brüssel ist nun mal wesentlich mehr als dieses belgische Klischee.

Mit leichter Wehmut verlasse ich spät am Abend den Thalys. Beim Aussteigen nimmt ein Gedanke immer mehr Form an, den ich bis heute nicht vergessen habe: Das mache ich bald mal wieder!

Ihr möchtet auch gern nach Brüssel und ins Museum? Kein Problem. Zusammen mit Thalys und dem Musée d’Ixelles verlosen wir Tickets und freien Eintritt. Zum Gewinnspiel geht es hier.

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