Cruising im Sauerland

Stani wächst in der Einsamkeit mitten im Sauerland auf. Fernab der Stadt und einer schwulen Jugendgruppe entdeckt er sein Schwulsein. Bei nächtlichen Begegnungen an versteckten Orten trifft Stani andere Männer - die das gleiche wie auch er suchen. Bis er dann Johannes kennenlernt.

Das ist die Geschichte von "CRUISING" - einem Begriff, den die meisten Menschen eher mit früheren Zeiten der Schwulenbewegung zusammenbringen. Aber auch 2017 ist Cruising, also die meist Suche nach Sex mit Männern an öffentlichen bzw. halböffentlichen Orten, noch ein Thema. Das zumindest stellten die jungen Teilnehmer eines Mediemcamps zum Thema HIV, Aids und STI fest, als sie eigene Erfahrungen austauschten. Und so entstand in einem einwöchigen Workshop unter Förderung der Aidshilfe NRW der Kurzfilm "CRUISING". Er ist ab sofort auf dem YouTube-Kanal von queerblick zu sehen:

Sven Hensel, Teilnehmer des Camps, führte die Regie. Es ist seine erste Regiearbeit. Im Interview erzählt der Bochumer, warum Cruising ein Tabu ist, warum er verschiedene Männerbilder zeigt und was das alles mit Safer Sex zu tun hat.

1.) Wie seid ihr auf die Idee des Filmes gekommen?
Cruising ist ja durchaus ein ungewöhnliches Thema. Cruising gehört für viele queere Männer, und auch Männer, die sich nicht als queer sehen, zum ausleben der eigenen Sexualität dazu - auch wenn selten öffentlich darüber gesprochen wird. Bei uns im Film sagt Stani ja auch nie, wo er Johannes kennen gelernt hat, nur dass er ihn kennen gelernt hat. Dennoch ist es für mich wichtig, die Geschichten zu erzählen, die Leuten passieren, und nicht unnötig zu beschönigen. Man trifft einfach sehr unwahrscheinlich seinen Traumpartner in der nostalgischen Bibliothek unten an der Kreuzung, weil nicht jede*r in einer Großstadt lebt und nicht alle zu offenem, queeren Leben Zugang haben, ohne Diskriminierung fürchten zu müssen. Und da setzt unser Film an: Was passiert denn abseits von den Großstädten? Auf den Rastplätzen, an den Wäldern, da, wo es halt geht? Es war auch von Vorteil, dass wir am Drehort viel Wald und abgelegene Ecken hatten, oder zumindest welche, die wir als solche inszenieren konnten.

2.) Welche Botschaft wünschst du dir, dass sie bei den Zuschauern hängen bleibt?
Konsens ist unabdingbar; Intimität ist schwierig, aber lohnt sich; und alle machen ihre eigenen Erfahrungen im eigenen Tempo. Das hindert uns aber nicht daran, einander zu helfen, wenn man einen Schritt zurück geht und Verständnis zeigt.

3.) Was am Set war am schwierigsten?
Das schwierigste am Set war, die Ideen, die aufkamen, in eine umsetzbare Form zu bekommen. Man durfte nicht mehr abbeißen als man kauen konnte. Es gab mehr Schauspieler als Rollen zu vergeben, das heißt aus der Not heraus haben wir eine meiner Lieblingsrollen erschaffen. Die schönste Erfahrung beim Filmdreh war es, die ganzen, verschiedenen Darstellungen von Männlichkeit vor und hinter der Kamera zu sehen, wie sie bei uns alle mir nichts, dir nichts akzeptiert wurden. Diese Atmosphäre hat beim kreativen Arbeiten sehr viel Freiraum gegeben.

4.) Im Film geht es um Safer Sex - aber es wird nicht mit päd. Zeigefinger drauf gezeigt. Warum dieser indirekte Ansatz?
Ich finde, es liegt nicht viel Kunst in "Oh, wir wollen einen Film über Safer Sex drehen, lass uns mal nur über Kondome reden". Life imitates Art, und wenn die Selbstverständlichkeit von Safer Sex vorgelebt wird, finde ich, begünstigt das für Zuschauer*inneneher eine Auseinandersetzung mit ihrem Safer Sex-Verhalten als wenn man es ins Auge drückt - ob das jetzt PrEP, Kondome oder andere Ansätze sind.

Bookmark and Share


 

Mein inqueery