Schwule Sau am Boden

Uns geht’s doch Gold, gerade in den Metropolen? Wie schnell man antischwule Gewalt am eigenen Leibe erfahren kann, musste zum Kölner Fetischtreffen an Pfingsten Thorsten Geerken, der amtierende Bavarian Mister Leather, am eigenen Leib erfahren.

Geerken hatte am Abend des 22. Mai beim Lederdinner des Cologne Leather Pride festlich geschmaust und wollte danach zu seinen Gastgebern. Im vollen Lederoutfit setzte er sich in der U-Bahnhaltestelle Neumarkt "zu einem jungen Mann mit Migrations-Hintergrund" (so seine Erinnerung). "Ohne Vorwarnung oder vorherigen Streit schlug dieser mit den Worten 'Eine schwule Sau sitzt nicht neben mir' eine Bierflasche auf die Stirn", schildert Geerken. "Ich ging direkt zu Boden und wurde noch zweimal getreten, bevor eine Passantin die Polizei rief."

Hilfe von Umstehenden bekam er nicht, obwohl der Bahnsteig im Zuge der Eishockey-WM und der Direktübertragung des Champions-League-Endspiels gut gefüllt war. So konnte der Täter ohne weiteres flüchten. "Eine fast irreale Erfahrung war danach, dass nach dem Notruf erst Reinigungspersonal der KVB kam, um das Blut wegzuwischen, obwohl ich weiterhin blutete, fast hätten sie noch die Bierflasche, die ja Beweismaterial war, weggeschmissen!" Geerken wurde mit Prellungen und einer Stauchung an der Hand im Krankenhaus behandelt, seine Platzwunde musste genäht werden.

Köln nicht mehr schwulenfreundlich?

Fast schon Ironie des Schicksals: Im Rahmen des Münchner Aktionsbündnisses gegen Gewalt hatte er eine Plakat- und Flyer-Aktion unter dem Titel "Auch du kannst Opfer werden" geplant, um Tipps für den richtigen Umgang mit homophoben Übergriffen geben. "Nun hängt im wahrsten Sinne des Wortes Herzblut an der Aktion." Nicht nur im heimischen München, auch in Köln müsse "eine offensivere Auseinandersetzung mit diesem Thema und den gesellschaftlichen Entwicklungen, in denen diese Gewalt ihre Wurzeln hat, stattfinden"
Das Bild des homoaffinen Köln hat für den Fetischmann Kratzer abbekommen: "Bisher habe ich die Stadt immer als schwulenfreundlich und sicher empfunden und mich zu jeder Zeit auch in der Szene wohl gefühlt", bekundet er.

Gay Games sicher?

Das Image einer Schwulen- und Lesbenhochburg hat nicht zuletzt die Bewerbung für die Gay Games 2010 beflügelt. Die Organisatoren werden zwei offene Villages, eines auf dem Rudolfplatz, das andere auf dem Neumarkt aufstellen. "Wir setzen Security-Kräfte ein, darüber hinaus suchen wir das Gespräch mit der Polizei und wollen sie sensibilisieren, da öfters mal vorbei zu gucken", sagt Co-Präsidentin Annette Wachter. Doch Presseprecher Ingo Schneider beruhigt: "Köln ist ja zum Glück sehr CSD-erfahren. Wobei es natürlich etwas anderes ist, ob es hier um ein verlängertes Wochenende oder um acht Tage Gay Games geht. Aber Bundeskriminalamt und Polizei glauben nicht, dass das irgendwie kritisch werden könnte."

Aufklärung keine Priorität

Für Thorsten Geerken gibt es kein Happy end: "Erst vor Kurzem habe ich erfahren, dass der Täter wohl kaum noch gefasst werden kann, die Kameras am Bahnsteig sind Fakes, für ihren Betrieb fehlt an Geld und Ressourcen, da wird der Bevölkerung nur Sicherheit vorgegaukelt." Die Auswertung der DNA-Spuren vom Tatort sei ebenfalls sehr kostenintensiv. "Da hat die Aufklärung meines Falles wohl keine Priorität."
 

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