Schwule Senioren organisieren sich

In vielen Senioreneinrichtungen werden die Interessen schwuler Männer nicht hinreichend berücksichtigt. Wie überhaupt die sexuelle Orientierung in der Arbeit mit älteren Frauen und Männern lange Zeit keine Rolle spielte. Zwar hat hier bereits an einigen Orten ein Umdenken begonnen, doch gibt es noch sehr viel zu tun. Um diesen Prozess voranzutreiben und die einzelnen Initiativen in verschiedenen Städten zu bündeln, hat sich in Frankfurt die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) gegründet. Dem Verband gehören sowohl Organisationen aus dem Bereich der schwulen Seniorenarbeit, der Bildungs- und Aids-Arbeit als auch engagierte Persönlichkeiten der schwulen Emanzipationsbewegung an.

Ziel des Verbandes ist die Sensibilisierung von Politik, Verwaltung, Trägern und Einrichtungen in allen Bereichen der Seniorenarbeit für die Belange älterer schwuler Männer. Gemeinsam mit dem „Dachverband Lesben und Alter“ will man die Lebenslage gleichgeschlechtlich orientierter Seniorinnen und Senioren verbessern, egal ob es dabei um Wohnen, Pflege, bürgerschaftliches Engagement oder allgemeine Partizipation und Teilhabe geht. Außerdem will man sich in die politische, wissenschaftliche und fachliche Diskussion einbringen. Innerhalb der Community geht es außerdem darum, die bestehenden Gruppen vor Ort miteinander nachhaltig zu vernetzen und den Erfahrungsaustausch zu fördern.

Zur Gründungsveranstaltung überbrachte Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek ein Grußwort des Ministeriums für Familie, Senioren, Familie und Jugend. Rudolf Herweck, Stellvertretender Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) ging in seinem Grußwort auf die Frage ein, „ob Staat und Gesellschaft heute schon den richtigen Blick auf die Bedürfnisse alternder und alter schwuler Männer haben.“ Er wünschte dem neuen Verband viel Erfolg: „Wie anderen Senioren geht es Ihnen um nichts anderes als Ihr eigenes Altern und Ihr Alter aktiv zu gestalten und auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitzugestalten. Das ist nicht zu viel verlangt und eigentlich eine Selbstverständlichkeit.“

Der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, wies auf die Geschichte von Unterdrückung, Diskriminierung und Verfolgung und die Bedrohung durch Aids hin. Schwule Männer stünden erst am Anfang bei der organisatorischen, rechtlichen und kulturellen Gestaltung des eigenen Lebensabends. Die interkulturelle Öffnung könne ohne die direkte Beteiligung schwuler Senioren nicht erreicht werden.

Prof. Dr. Martin Dannecker ging in seinem Vortrag auf Fragen des Alters und des Alterns bei schwulen Männern ein und machte deutlich: „Eines scheint mir jedoch sicher zu sein: Die gegenwärtigen älteren schwulen Männer gehören einer Generation an, die sich ein hohes Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Diskriminierung erarbeitet hat und die aktiv an der Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu ihren Gunsten teilgenommen hat. Deshalb ist unter ihnen das Gespür für Diskriminierungen im Alter auch besonders ausgeprägt.“

In einem zweiten Fachvortrag ging BISS-Vorstandsmitglied Markus Schupp auf seine Forschungen im Bereich Altenpflege ein. Wie er aus seiner Fachkenntnis feststellte, beginnen schwule ältere und alte Männer in ihrem Umkreis auf sich aufmerksam zu machen. Mit BISS werden sie zukünftig auch bundesweit Aufmerksamkeit erlangen. Auf der anderen Seite machen sich einige herkömmliche Einrichtungen der Altenhilfe auf den Weg, sich für homosexuelle Menschen zu öffnen. Diese Entwicklung, so Markus Schupp, sei der Beginn einer Bewegung aufeinander zu, die BISS zukünftig aktiv mit gestalten wird.

Dem Vorstand gehören an: Klaus-Dieter Begemann (Hamburg), Georg Härpfer (Berlin), Sigmar Fischer (Bielefeld), Reinhard Klenke (Köln), Wolfgang Vorhagen (Akademie Waldschlösschen, Reinhausen bei Göttingen), Georg Roth (Köln) und Markus Schupp (Köln).

Für den Vorstand erklärte Georg Roth, dass sie sexuelle Vielfalt in der Senioren- und Seniorenarbeit selbstverständlich dazugehöre, „offen und unversteckt. Die Generation Stonewall hat nicht vor, sich im vorgerückten Alter wegzuducken oder wieder zu verstecken. Dabei können wir uns auf die Erfahrung in der Emanzipationsbewegung und die Erfolge in der AIDS-Arbeit stützen. Auf unsere Bedürfnisse nach einem selbstbestimmten, diskriminierungsfreien Leben müssen die Verantwortlichen in allen Bereichen angemessen reagieren.“

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