Gesellschaft
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"Tod den Homos"

Generalprobe für den heutigen Coming-out-Day? Belgrads Community feiert den ersten CSD seit neun Jahren trotz Ausschreitungen von Kirchenfundis, Ultranationalisten und Rechtsradikalen als großen Erfolg. Auch der Bundestags-Grüne Volker Beck stimmt in den Jubel mit ein.


"Homosexualität ist eine Krankheit"

Dabei waren die Vorzeichen schon alles andere als ermutigend: Eine von der Gay Straight Alliance im Auftrag gegebene und den Regierungen von Deutschland und den Niederlanden finanzierte repräsentative Studie förderte Erschreckendes zutage: 67 Prozent aller Befragten hielten Homosexualität für eine Krankheit. 64 Prozent gaben der Kirche das Recht, Homosexualität zu verdammen. 56 Prozent hielten Homosexualität für sehr gefährlich für die Gesellschaft, 53 Prozent verlangten vom Staat die Bekämpfung von schwulen und lesbischen Lebensweisen.

Doch der demonstrierte das genaue Gegenteil. Ende Juni empfing Serbiens Präsident Boris Tadic Vertreter von Schwulen- und Lesbenorganisationen und sicherte ihnen seine Unterstützung für den CSD zu. "Man hat gemeinsam festgestellt, dass die Pride Parade ein zivilisatorischer Schritt vorwärts ist, der zeigen wird, dass Serbien eine sichere Gesellschaft für alle seine Bürger ungeachtet ihrer Unterschiede oder sexuellen Orientierung ist", so der Tenor der präsidialen Presseerklärung.

Diesmal Dresche für die Polizei

Trotz der Rückendeckung stand die Parade unter keinem guten Stern. Schon am Vorabend hatten die orthodoxe Kirche und ultranationalistische Gruppierungen mehrere Tausend Menschen zu einer Demonstration gegen Homo-Rechte mobilisiert.
Etwa 1.000 Teilnehmer versammelten sich am Morgen des 9. September zum nach Medienberichten etwa 15 Minuten andauernden Marsch durch die Innenstadt, darunter auch Aktivisten aus Nachbarstaaten und von Amnesty International, serbische Politiker wie Botschafter aus den Reihen der Europäischen Union.

Von der Normalbevölkerung bekamen sie kaum etwas mit, denn die Polizei riegelte die Demo völlig ab. So bezogen anders als beim letzten Anlauf vor neun Jahren nicht die Schwulen und Lesben Prügel, sondern die etwa 5.600 Ordnungshüter. 6.000 zumeist junge und männliche Randalierer riefen "Tod den Homosexuellen", Steine und Molotowcocktails flogen, Schaufenster (darunter eine Auslage des Staatsfernsehens) gingen reihenweise zu Bruch, das Parkhaus der Zentrale von Tadics Regierungspartei brannte. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums verletzten sich dabei 140 Menschen, zumeist Polizisten. Ein CSD-Teilnehmer wurde auf dem Nachhauseweg zusammengeschlagen. Es kam zu 207 Festnahmen.

"Das ist ein sehr trauriger Tag für Serbien", sagte Verteidigungsminister Dragan Sutanovic und machte eine "faschistische Gruppe" für den "unerhörten Ausbruch von Hass" verantwortlich. Präsident Tadic kündigte eine harte Bestrafung der Randalierer an.

"Sieg für die Community"

Allen Unruhen und Ausschreitungen zum Trotz verbuchte die Europa-Abteilung der International Lesbian and Gay Association (ILGA) den Belgrader CSD als "Sieg für die serbische Lesben, Schwulen-, Bi- und Transgender-Community und für die Zivilgesellschaft", so die vor Ort präsente Vorsitzende Linda Freimane, als Lettin selbst im Umgang mit homofeindlichen Gesellschaften leiderprobt.

Freude herrschte auch bei Volker Beck: "Der serbische Rechtsstaat und die serbische Demokratie haben sich bewährt. Statt Verbote auszusprechen, hat sich die Polizei schützend vor die Lesben und Schwulen gestellt - das ist eine neue Qualität", schrieb der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestags-Grünen in einem Kommentar für aidshilfe.de und queer.de. "Damit macht Serbien deutlich, dass es eine europäische Demokratie sein möchte!"

"Es wird immer bestimmte Kreise in der Gesellschaft geben, die uns nicht akzeptieren werden", prophezeite Pride-Organisator Boran Stojanovic noch am Parade-Tag. "Dies ist der Beginn eines Dialogs."

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