Und da bin ich dann doch wieder links

Ausgelöst durch eine Mitteilung der Deutschen Aids-Hilfe (inqueery berichtete) diskutiert die Szene in den sozialen Medien seit einigen Tagen heftig über den Chefredakteur des schwulen Magazins „Männer“ und die politische Ausrichtung des Blattes. Ein Kommentar dazu vom Kölner Comic-Zeichner Ralf König.

 

Ich kann mich grad nicht entscheiden, ob ich nun „links“ bin oder – nein, „rechts“ nun doch noch nicht – aber immerhin „wertkonservativ“. Oder gar „queer“!?

Ich gebe zu, auch ich ertappe mich schon mal bei dem Gedanken, ob in einer Talkshow, in der es um Homo-Ehe oder Adoption geht, eigentlich Supertunte Olivia Jones sitzen muss. Oder warum man im Fernsehen einem homophoben Norbert Geis ausgerechnet Nina Queer gegenübersetzt und nicht, sagen wir, irgendnen Typ. Muss wohl an den effekthaschenden Medien liegen und an der Unfähigkeit eingeladener Gäste, zugunsten kompetenterer Teilnehmer das Angebot, ins Fernsehen zu kommen, einfach auch mal abzulehnen. Ich meine zudem, dass der CSD als sommerliches Karnevalsspektakel kontraproduktive Missverständnisse mit sich bringt, sprich: Mir wäre eine Demonstration lieber als eine Parade. Aber nun, man will feiern, und was die bedröhnten, quietschvergnügt halbnackten Heteros mit ihren ausgelassenen Love-Parades konnten, können und wollen wir halt auch.

So gesehen schlägt mein Pegel grad aus zu „wertkonservativ“, aber die Formulierung hat für mich etwas zutiefst... naja, irgendwas, dass mir irgendwie nicht passen will, call me left.

„Wertkonservativ“ will nun das schwule Hochglanz-Lifestylemagazin MÄNNER sein und sich an ebensolche Leser wenden. Mit der Zeitschrift habe ich eine Geschichte, von 2000 bis 2011 veröffentlichte ich dort die monatliche Comicdoppelseite. MÄNNER hat bei mir inhaltlich schon immer ein genervtes Augenverdrehen verursacht. Das hängt schon damit zusammen, dass ich mit dem Begriff „Lifestyle“ und dem, was Schwule an Luxusgedöns konsumieren sollen, so gar nichts anfangen kann, und mit der photogeshopten cleanen Nacktheit der Jungs und Mannsbilder auch nichts. Mit dem Comic versuchte ich der Inhaltsleere etwas Ironie und Satire entgegenzusetzen, da kamen und gingen Chefredakteure, und seit unlängst ist dies nun der katholische Theologe David Berger. Das Heft hat seither eine deutlich politische Lesestrecke, aber auf eine irgendwie dauerbeleidigte Art: Wenn irgendwo in der Welt ein Mr. Unwichtig einen doofen homophoben Spruch bringt, ist das eine Meldung wert. Selbst austeilen tut man allerdings auch, so wird ein Foto von AfD-Beatrix von Storch mit dem Satz untertitelt: „Ist das eigentlich ne Lesbe oder ist die einfach nur hässlich?“

Aber Kreuzberger Lesben, die sich als Mann fühlen, sind ja auch nicht das Zielpublikum von MÄNNER, da sollen die sich mal nicht so haben.

Nun tut sich mehr und mehr ein von der Öffentlichkeit wohl weitgehend unbemerkter Grabenkrieg auf zwischen phantomähnlichen Klischeegestalten, die ich in meiner Wirklichkeit ebenso wenig wahrnehme wie den Hang zum Lifestyle. Hier die gut situierten, gepflegten und körperbewussten „wertkonservativen“ Schwulen, und dort, ja... die anderen. Die „Linken“, „Queers“ und „Gender“-Verschrobenen, wer oder was das auch immer ist. Der gepflegte homosexuelle Mann sieht nicht mehr ein, warum man zur politischen und gesellschaftlichen Einforderung von Schwulenrechten dieses ganze abschreckende Panoptikum mit sich schleppen soll, das mit seinem schrillen Auftreten das ganze Anliegen blockiert. Diese Haltung gipfelte in einem Artikel in der September-MÄNNER, in dem ich den nun folgenden Absatz mehrmals lesen musste, weil ich nicht glauben konnte, dass das wirklich einer schreibt. Es ging darum, dass der schwule Mann sich an die Gesellschaft anpassen müsse, um akzeptiert zu werden.

„In unserer gesamten Geschichte können wir verfolgen, wohin einen diese ‚Andersartigkeit’ führen kann“, schreibt ein Autor namens Deuling. „Erst wurden Indianer in Reservate gesperrt, dann wurden Schwarze versklavt und was im Dritten Reich mit den ‚Andersartigen’, besonders den Juden, passierte, muss hier nicht ausgeführt werden. Diese Gruppierungen haben alle eine Gemeinsamkeit: Sie waren jedes Mal ‚anders’, was konkret bedeutet: Sie entsprachen nicht der Normgesellschaft.“

Nicht der Normgesellschaft zu entsprechen, ist demnach keine gute Idee. Und schuld an der Verfolgung von Minderheiten hat nicht diese Normgesellschaft, sondern die Minderheiten selbst – warum sind sie auch anders? Nun konnte der Indianer sein Indianersein wohl nur mit großem Aufwand verleugnen, die Homos aber könnten doch unbemerkt unterflutschen in die Norm und keiner hat’s gemerkt. Wenn nur diese „Queers“ nicht wären!

Zwar habe ich in meinem nicht so kleinen Freundes- und Bekanntenkreis eigentlich niemanden, der auf der Straße oder in Gesellschaft unangenehm schwul auffällt. Ok, Richard macht manchmal das Knickhändchen und Bernd ist trotz Bauch und Vollbart manchmal nah dran an meiner seligen Tante Gisela, aber sonst macht sich, glaube ich, keiner großartige Lifestyle-Gedanken über sein Outfit, bevor er dieser Tage über die Christmas Avenue schlendert. Also keine Chaoten oder Drag Queens weit und breit, ok, bis auf den Trümmer-Engel da hinten. Stinknormale Schwule. In meinem Freundeskreis findet sich z.B. ein Zahnarzt und ein Sozialarbeiter, ich weiß nicht, wer sich nun wie „links“ oder woanders positioniert, ich kann ja mal nachfragen.

Aber ich dachte bei diesem vom Chefredakteur bewusst abgenickten Artikel: Liebe MÄNNER, wenn die Zeiten nun wieder anders würden, wenn z.B. aufgrund miserabler Wirtschaftsbilanzen eher wieder rechte Kräfte die Politik bestimmen und die Zeiten für Schwule und Lesben wieder düster werden (wir stehen auf der Hassliste bestimmt vor den Indianern), dann wird Euch das mit der wertkonservativen Anpasserei nicht weiterhelfen. Denn schwul ist nun mal schwul, ob attraktiv, muskulös und erfolgreich oder eben „queer“. Und selbst wenn die Rechnung aufginge und eine wertkonservative Homogesellschaft wäre bequem und unbedroht eingekuschelt in die Norm, dann schaudert’s mich bei dem Gedanken, was denn abseits dieser vorbildlichen Gesellschaft aus all den armen queeren Choncitawürsten wird, die da wie die Schmuddelkinder allein zurückgelassen wurden, ganz abgekapselt von schwuler Solidarität.

Und da bin ich dann doch wieder „links“, im Sinne von: Die Menschen in ihrer Vielfalt nehmen, wie sie halt sind und nicht ein sauberes Korsett drüberzustülpen. Die Deutsche Aids-Hilfe hat ihre Anzeigenkampagne „Ich weiss, was ich tu“ aus der MÄNNER zurückgezogen, weil der Chefredakteur ausgrenzende Ansichten vertrete. Wenn ich noch für das Blatt zeichnen würde, täte ich mich jetzt auch zurückziehen. Da schwingt sich einer von der erzkatholischen Kirchenkniebank direktemang in den Chefsessel und will uns erzählen, was anständiges Schwulsein ist.

Eher links bin ich nun also, aber halt, doch wieder ein Stück nach rechts: Mehr Kritik gegenüber dem Islam und seine Schulhof-Auswirkungen auf westliche Sexualmoral befürworte auch ich. Wie ich mit jeder religiösen Moralvorstellung hadere, der Katholizismus bleibt mir mindestens genauso unsympathisch. Und David Berger war kein Günter Wallraff, der sich als Schwuler undercover in den Vatikan geschlichen hätte, um mit „Der heilige Schein“ die Reportage seines Lebens zu schreiben. Das wäre ja noch cool.

„Irgendwann schreibe ich doch mal noch meine ‚Liebeserklärung an den Katholizismus’: an die Kraft der identitätsstiftenden Rituale, die für den Zusammenhalt einer Community zentral sind, an die ordnende Macht der Ästhetik, an den Atem der Jahrtausende, der diachron Heimat sein kann. Und warum schwule Männer von der katholischen Kirche viel gelernt haben und weiter lernen können...“ Zitat-Ende.

Ja, das macht sich als Lektüre sicher gut neben der Liebeserklärung an den Katholizismus von Mathias Matussek, ausgenommen des Homo-Kapitels natürlich! Schon etwas lästig, das mit dem katholischen Katechismus zur Sexualmoral, der ja eindeutig und mit dem Atem der Jahrtausende sagt, das mit dem Mann beim Manne liegen sei schwere Sünde und in keinem Fall zu dulden.

Es gibt linke Schwule und rechte, kluge und blöde, gläubige und ungläubige, konservative, unpolitische und schrille, so what? Der Gmünder-Verlag ist ein kapitalistisches Unternehmen, da frage ich mich, ob es unter kapitalistischen Gesichtspunkten so klug ist, mit diesem Chefredakteur die ganze in langen Jahren gewachsene Szenerie gegen sich aufzubringen, und das völlig unnötig! Man kann MÄNNER nämlich auch ignorieren, oder – wenn man denn eins hat – sein Abo abbestellen und schulterzuckend sein schwules Leben leben. Dabei könnte man, wenn man nichts anderes zu tun hat, spaßeshalber gucken, ob da hinten irgendwo irgendwelche „Queeriban“ sind oder sonstige Vertreter der „Homo-Inquisition“.

Von denen ich jetzt sicher auch einer bin. Es ist verflixt mit links und rechts.

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Mein inqueery