Vatikan-Vize patzt

Laut offiziell geltendem katholischen Katechismus ist gleichgeschlechtlich liebenden Menschen mit "Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen". Die immer neuen Enthüllungen über körperlichen und sexuellen Missbrauch jedoch verführten hohe Würdenträger der Kirche dazu, in einer Art Vorwärtsverteidigung schwule und lesbische Lebensweisen in Bausch und Bogen zu verdammen und gar noch Parallelen zwischen Pädophilie und Homosexualität zu ziehen.

Homosexualität ist eine Sünde

Den Anfang machte der Essener Bischof Franz Overbeck. Ausgerechnet bei "Anne Will" zu "Benedikts Schweigen" erklärte er am 11. April: "Homosexualität ist eine Sünde. Das widerspricht der Natur von Mann und Frau." Einen Tag später folgte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Die offizielle Nummer Zwei im Vatikan hinter Papst Benedikt XVI. sorgte bei einem neuntägigen Besuch in Chile für Furore. "Viele Psychologen und Psychiater bestätigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und der Pädophilie gibt", erklärte Bertone bei einer Pressekonferenz in Santiago de Chile. "Sie haben aber sehr wohl eine Verbindung zwischen der Homosexualität und pädophilen Neigungen festgestellt. Das ist die Wahrheit und das ist das Problem."

In Windeseile trug sich das Wort des Kardinals um die Welt, und die reagierte ungnädig. "Da wird eine inakzeptable Beziehung hergestellt, und das verurteilen wir", ließ sich Bernard Valero, Sprecher des französischen Außenministeriums vernehmen. Volker Beck, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestags-Grünen, forderte Vatikan und deutsche Bischofskonferenz auf, sich schleunigst von der skandalösen "Entgleisung, die die Würde von Lesben und Schwulen angreift" zu distanzieren. "Solche Hasspredigten darf die Kirche nicht dulden!"

Auch die ansonsten eher zurückhaltende Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) konnte nicht still halten. "Die Kirche braucht eine veränderte Sexualmoral und veränderte Amtsstrukturen, keine Sündenböcke", erklärte Thomas Wunsch. "Die katholische Kirche muss öffentlich und weltweit eingestehen, dass sie sich über Jahrhunderte mitschuldig gemacht hat an der Ausgrenzung homo- und bisexueller Menschen. Sie hat fortan alle Minderheiten innerhalb der Kirche zu akzeptieren und sich aktiv dafür einzusetzen, dass diese Akzeptanz auch in der gesamten Welt Beachtung findet." Vatikan-Sprecher Federico Lombardi versuchte sich an einer Beschwichtigung, Bertones Äußerung sei nur auf den innerkirchlichen Bereich bezogen, die Leitung erhebe nicht den Anspruch, generelle Behauptungen über psychologische oder medizinische Sachverhalte aufzustellen.

Eingeholt von der Vergangenheit

Als wäre der Trubel um den Papst-Vize noch nicht genug, hatte die Kurie noch mit weiteren schlechten Nachrichten zu kämpfen. Zwei hohe Würdenträger holte ihre Vergangenheit ein. So musste der Augsburger Bischof Walter Mixa am 22. April seinen Rücktritt einreichen. In seiner Zeit als Stadtpfarrer in Schrobenhausen in den Siebzigern und Achtzigern hatte der heute 68-Jährige seine Schützlinge schon mal mit Ohrfeigen, der bloßen Faust, Teppichklopfern oder Kochlöffeln traktiert. Entsprechende eidesstattliche Erklärungen ließ er erst dementieren, dann räumte er zaghaft mögliche Übergriffe ein, um dann schließlich um ein vollständiges Geständnis nicht mehr herumzukommen. Mixa hatte noch im Februar in der "Augsburger Allgemeinen Zeitung" die 68er für mithaftbar am Missbrauch gemacht: "Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig."

Noch ärger traf es seinen Amtskollegen Roger Vangheluwe, nun hatte auch die bislang verschont gebliebene katholische Kirche von Belgien ihren ersten Skandal. Der 74-jährige Bischof von Brügge nahm am selben Tag wie Mixa seinen Hut. "Bevor ich Bischof geworden bin und auch noch einige Zeit danach habe ich einen Jungen aus dem Freundeskreis sexuell missbraucht", ließ er in einer persönlichen Erklärung an die Presse verlesen. "Es ist lange her, aber das Opfer scheint durch die Ereignisse gezeichnet worden zu sein. Sowohl bei ihm als auch bei mir kommt es zu keiner Heilung." Er entschuldige sich beim Opfer, dessen Familie und die gesamte kirchliche Gemeinschaft, es tue ihm entsetzlich leid.

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