Kultur
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Foto: Jason Leung

Eurovision Song Contest 2022 im Soundcheck

Unter dem Motto „The Sound of Beauty“ findet im Mai der 66. Eurovision Song Contest in Turin statt. Nach 1965 (Neapel) und 1991 (Rom) ist Italien zum dritten Mal Gastgeber des größten Musikwettbewerbs der Welt.

Nachdem die italienische Band Måneskin mit „Zitti e buoni“ den Sieg im letzten Jahr holen konnte. Damit wurde auch gleichzeitig der Grundstein für ihre internationale Karriere gelegt. Es folgten weitere Hits wie „I wanna be your slave“ und „Beggin‘“, die sogar noch erfolgreicher wurden und neben den europäischen auch die amerikanischen Billboard Charts stürmen konnten. Heute zählt die italienische Rock-Band zu den weltweit meistgestreamten Künstlern*innen.

2022 hatten 41 Länder ihre Teilnahme am ESC bestätigt. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) folgte allerdings der Bitte der ukrainischen Rundfunkanstalt und schloss Russland vom Wettbewerb aufgrund des Überfalls auf die Ukraine aus. Begründet wurde dies mit der Angst vor einem Imageschaden, den die Teilnahme Russlands für den ESC bedeuten könnte. Zudem ist die Teilnahme von Israel unsicher, da durch einen Streik im israelischen Außenministerium die Sicherheitsvorschriften des Landes zurzeit nicht eingehalten werden können. Ob sich an der Situation etwas ändert, wird spätestens bis zu den beiden Halbfinals am 10. bzw. 12. Mai feststehen, wenn Israel in letzterem eigentlich um ein Ticket für das große Finale am 14. Mai kämpfen sollte. 

Ob nun 39 oder 40 Länder in Turin antreten werden, eines steht schon fest: 2022 wird die BPM-Zahl etwas heruntergeschraubt, es wird balladesque. Überraschend ist, dass sich wenige Teilnehmer*innen am rockigen Vorjahressieger orientieren, sondern vielmehr eine Richtung einschlagen wie einst Duncan Laurence 2019 mit seiner Sieger-Ballade „Arcade“. Auch dieser ESC-Erfolg wurde wie „Zitti e buoni“ später zum internationalen Hit. Pop- und Dance-Songs werden natürlich trotzdem nicht fehlen, allerdings mit einem wesentlich geringerem Trash-Faktor als in den Vorjahren. Unabhängig vom prozentualen Anteil der Musik-Genres in diesem Jahr wird sehr deutlich, dass die Balladen bei den Buchmachern scheinbar den größeren Eindruck hinterlassen haben. So befinden sich unter den zehn Songs, die die größten Chancen auf den Sieg haben, lediglich drei Pop- und Dance-Songs. Es ist also recht wahrscheinlich, dass ein Großteil der Balladen über die Halbfinals in das ESC-Finale (25 Teilnehmer) einziehen werden und die Uptempo-Songs dabei auf der Strecke bleiben.

Italien zählt als Gastgeber in diesem Jahr mit dem männlichen Gesangsduo Mahmood (ESC 2018, „Soldi“) und BLANCO erneut zu den Top-Favoriten. In dem Song „Brividi“ wird die schwierige Liebesgeschichte zweier Menschen beschrieben, die nicht voneinander loskommen. Völlig selbstverständlich wird dies von zwei Männern besungen, obwohl dies rein inhaltlich gar nicht thematisiert wird. Die Gewinner des San Remo Festivals setzen damit das klare Statement, dass es egal ist, welche Geschlechter sich gegenseitig lieben. Zumal Mahmood keine klaren Auskünfte über seine sexuelle Orientierung gibt und BLANCO als heterosexueller Mann das Duett ebenfalls mit einer Frau singen könnte.

Aus Schweden geht mit „Hold me closer“ von Cornelia Jakobs eine weitere stimmgewaltige Gänsehaut-Ballade an den Start, die die emotionale Verwirrung einer Trennung beschreibt. Hierbei steht die Sängerin mit einer starken Melodie und den aufwühlenden Lyrics vollkommen im Fokus der Performance und erinnert dabei ein wenig an eine traurige Endsommer-Hymne von Lana Del Rey.

Ungewohnt leise mit der Konzentration auf das Wesentliche kommt diesmal auch Griechenland mit Amanda Tenfjordzum ESC. Die melodramatische Akustik-Ballade „Die together“ ist erstmal so sehr auf ihre Stimme und ein paar Vocoder-Effekte ausgerichtet, dass die Musik erst nach einer Minute einsetzt. Stimmlich und orchestral steigert sich der Song enorm bis zum Finale, bei dem auch dem letzten Zuhörer klar sein wird, dass sie ihre große Liebe nicht verlieren will. Ein Guter-Laune-Song klingt anders, aber davon hatte Griechenland in den letzten Jahren ja einige zu bieten.

Eine nicht weniger schwermütige, aber dennoch melodische Gitarren-Ballade mit Ohrwurmqualität gibt es von S10(sprich „Es-Tien“) aus den Niederlanden. Ihr Song „De Diepte“ („Die Tiefe“) thematisiert die psychischen Abgründe aus einer schwierigen Zeit im Leben der Sängerin und sticht nicht nur heraus, weil er in der Muttersprache gesungen wird. Einige geschickt eingebaute „uuuuuhuuus“ und „aaaaaahaaas“ machen es möglich, dass man sich auch als Nicht-Niederländer*in schnell in dem melancholischen Song wiederfinden kann, der helfen soll, sich in traurigen Phasen weniger allein zu fühlen. 

Im Vereinigten Königreich wurde der TikTok-Star Sam Ryder mit seinem Song „Space Man“ als Teilnehmer für den ESC ausgewählt. Über 12 Millionen Follower konnte der langhaarige Brite mit Coverversionen bekannter Hits in der Corona-Zeit von sich überzeugen. Nicht selten griff er dabei auf Hits stimmgewaltiger Sängerinnen zurück, da die hohen Stimmlagen sein besonderes Markenzeichen sind. Seine Rock-Ballade fällt zwar auch in die Melancholie-Rubrik, allerdings sehr modern produziert mit einigen Einflüssen aus den 70er- und 80er-Jahren, die Erinnerungen an den jungen Elton John oder Freddie Mercury wecken könnten.  

Finnland steht beim ESC wie kein anderes Land für Rock-Musik. Auch dieses Jahr wird daran festgehalten und mit The Rasmus die international bekanntesten Teilnehmer ins Rennen geschickt. Mit „Jezebel“ gelingt der Band zwar kein Ohrwurm wie mit ihrem fast 20 Jahre alten Nummer-1-Hit „In the shadows“, dennoch ist ihre Handschrift und der markante Sound nicht zu überhören und eine willkommene Abwechslung zwischen den anderen Teilnehmer*innen.

Der Dance- und Party Song des Jahrgangs, der uns auf allen Partys im Sommer zwischen Köln und Gran Canaria begleiten wird, kommt in diesem Jahr aus Spanien. Was Zypern und Griechenland in den letzten Jahren vorgemacht haben, wird nun von der Sängerin Chanel und ihrem Song „SloMo“ adaptiert und selbstbewusst in Szene gesetzt. Latin-Pop im J.Lo-Stil gepaart mit einer wahnsinnigen Choreografie, die einen drei Minuten gefesselt vorm Fernseher mitfeiern lässt. So ein Beitrag sticht in diesem Jahr vollkommen heraus und bringt die gute Laune und Lebensfreude mit, die in Zeiten wie diesen gebraucht wird. 

Eine weitere Dance-Nummer, die viel Spaß verbreiten wird, kommt aus Norwegen. Darin fordert das Duo Subwoolferin Anlehnung an das Rotkäppchen-Märchen „Give that wolf a banana“ und hofft, dass dadurch die Großmutter verschont bleibt. Dies ist, trotz Spaß-Beitrag, sehr radiotauglich und einprägsam produziert und bekommt dazu noch eine visuelle Unterstützung durch eine witzige Choreografie und auffällige schwarz-gelbe Kostüme. Das Duo selbst bleibt dabei durch skurrile Wolfsmasken komplett anonym.

Österreich hat den Dance-Song mit seinem Beitrag „Halo“ sicher nicht neu erfunden, trotzdem sind DJ LUM!X und Pia Maria mit der 90er-Jahre-Hymne für alle Uptempo- und Pop-Fans sicher eine gutgemeinte Unterbrechung des restlichen Show-Programms. Hier ist Disco-Power garantiert unter einem Motto, das als „2 Unlimited meets Bonnie Tyler“ beschrieben werden kann. Dies ist definitiv charts- und clubtauglich, aber wie ein solcher Dancefloor-Track auf der großen ESC-Bühne wirken wird, bleibt eine der großen Überraschungen des 1. Halbfinales am 10. Mai.

Ganz weit vorne bei den Buchmachern liegt noch vor Italien und Schweden die Ukraine. Dies ist insofern interessant, als dass die Ukraine sehr oft zu den Favoriten gehört, der Status in diesem Jahr aber von vielen Seiten auf die aktuelle Kriegssituation „geschoben“ wird. Dabei ist der Folksong mit modernen Rap-Elementen von Kalush Orchestranicht zu unterschätzen. „Stefania“ ist als Crossover-Titel im ESC-Teilnehmer*innen-Feld einzigartig und vereint rhythmische Ethno-Elemente mit einem energiegeladenen Rap-Part sowie einem melodischen Refrain. Der mehrstimmige Männergesang erzeugt zudem eine Menge Stimmung auf der Bühne und bietet ein ähnliches Ohrwurmpotential wie ein „Gangsta’s Paradise“.

Das ESC-Finale wird in diesem Jahr spannend, wie selten zuvor, da es keine klaren Favoriten*innen gibt. Die Ukraine hat nicht nur aus politischen Gründen eine Chance, aber auch Italien vermittelt ein tolles Statement mit dem Männerduo, wohingegen aus Schweden eine Gänsehaut-Ballade und aus Spanien ein Sommerhit geliefert wird. Eher unwahrscheinlich ist, dass der deutsche Teilnehmer Malik Harris mit seiner Ballade „Rockstars“ um den Sieg mitkämpfen wird. Trotzdem muss sich der sympathische Sänger mit der großen Stimme nicht vor der Konkurrenz verstecken. Wenn es beim ESC mit den vorderen Plätzen nicht klappen sollte, hat er zu mindestens einen der authentischsten und radiotauglichsten Songs im Gepäck.

Termine:

  • 10. Mai: 21:00 – 23:10 Uhr: „1. ESC-Halbfinale“ auf ONE, eurovision.de, ARD-Mediathek
  • 12. Mai: 21:00 – 23:10 Uhr: „2. ESC-Halbfinale“ auf ONE, eurovision.de, ARD-Mediathek
  • 14. Mai: 20:15 – 21:00 Uhr: „Countdown für Turin“ mit Barbara Schöneberger auf Das Erste, ONE, eurovision.de, ARD-Mediathek
  • 14. Mai: 21:00 – 0:45 Uhr: „ESC-Finale“ auf Das Erste, ONE, eurovision.de, ARD-Mediathek, Deutsche Welle
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