Kultur
   9 Jahre
Foto: Marc Ribes/ Erato Warner Classics

Farinelli: Schwerelos, nicht abgehoben

Als 1994 Gérard Corbiau seinen Film „Farinelli“ über den wohl berühmtesten Sänger des 18. Jahrhunderts drehte, da brauchte es für den Soundtrack die damals modernste Tontechnik, um den Gesang des Kastraten zu rekonstruieren. Es wurden die Stimmen eines Countertenors und einer Koloratursopranistin elektronisch zur einer Kunststimme gemischt, die dem angenommenen Originalklang möglichst nahe kommen sollte – eine Praxis, die manchen Musikhistorikern damals kritische Stimmen entlockte. Auch heute, fast zwanzig Jahre später, wissen wir immer noch nicht, wie Carlo Broschi (1705-1782), genannt Farinelli, wirklich geklungen hat.

Anders als damals aber haben wir heute Sänger, die ohne elektronische Hilfe mühelos die mörderischen Koloraturarien meistern, mit denen Farinelli seinerzeit den europäischen Adel begeisterte. Die heutigen männlichen Countertenöre und Soprane teilen glücklicherweise nicht das Schicksal der Kastraten, denen noch als Kinder mittels eines riskanten Schnitts ihre Zeugungsfähigkeit auf brutale Weise genommen wurde, um den Stimmbruch zu verhindern.

Philippe Jaroussky, seit 1999 weltweit gefeierter Star und 2012 zum zweiten Mal mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, lässt seine neue CD mit Arien des italienischen Komponisten Nicola Porpora (1686-1768) mit einem rasanten Bravourstück beginnen, das dem heutigen Hörer erstmal kräftig die Ohren durchbläst. Das schnelle Tempo und die halsbrecherischen Läufe machen atemlos. Virtuosität und Meisterschaft stehen hier ganz im Vordergrund. Doch viel bewegender und anrührender als die wenigen Arien in raschen Tempi sind die langsamen Klagen und Liebesduette. Hier öffnet sich über der schwebenden und innigen Stimme Jarousskys ein weiter Himmel, der allen menschlichen Gefühlen Raum bietet: Liebesglut und Verlangen ebenso wie Trauer und Verzweiflung. Für zwei Duette verbindet sich Jarousskys in den schnellen Passagen gelegentlich etwas scharf klingende Stimme mit dem perlenden Mezzosopran von Cecilia Bartoli – sie ebenso wie er eine herausragende Expertin barocker Gesangskunst. Im engen Miteinander beider Stimmen wird hörbar, wie unverkrampft im 18. Jahrhundert offensichtlich mit Geschlechterrollen und -klischees umgegangen wurde.

Fazit: Nach einem stürmisch virtuosen Einstieg lädt die CD fern von flacher Effekthascherei ein zu tief empfundenen musikalischen Bildern, allen voran die traumhafte Szene „Alto Giove“ aus „Polifemo“. Ein Muss für Fans, eine mögliche Offenbarung für Neueinsteiger.

Tourdaten zu „Farinelli & Porpora“:
(mit dem Venice Baroque Orchestra & Andrea Marcon)
08.10. Berlin, Philharmonie
12.10. Frankfurt, Alte Oper
14.10. Stuttgart, Liederhalle
16.10. München, Prinzregententheater

Weitere Jaroussky-Termine mit anderen Programmen:
Vivaldi-Recital (mit Nathalie Stutzmann):
18.12. Köln, Philharmonie
Pergolesi: „Stabat Mater“ (mit Julia Lezhneva, I Barocchisti & Diego Fasolis):
15.01.2014 Essen, Philharmonie
17.01.2014 Baden-Baden, Festspielhaus

 
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