Kultur
   8 Jahre
Foto: Homo Littera Verlag

Female Fantasy, intelligent und weiblich

Ein Fantasybuch von einer Frau ist sicher erst mal nichts Besonderes. Ein Fantasybuch von einer Frau für Frauen auch nicht. Ein Fantasybuch von einer Frau für Frauen über Frauen, die Frauen lieben, das ist schon was Besonderes. Die erste Frage, die man oder frau sich nun stellt „Und wer soll’s lesen?“ kann ich nach der Lektüre ganz einfach beantworten: alle! Ingrid Pointecker hat mit ihrem Buch „Herbstsplitter“ aus dem Homo Littera Verlag einen Vorstoß gewagt, der durchaus ins Auge hätte gehen können. Ist er aber nicht.

Wir befinden uns in der Welt der Elfen. Die großen Reiche sind auseinander gefallen und auch die Elfen untereinander verfeindet. So kommt es, dass die Königin des Elfenreiches Ibandis eigentlich nur noch über klägliche Reste eines ehemals glanzvollen Reiches regiert. Ihr Rückzugsgebiet: ein Schloss in den Bergen.

Die Kriegerin Syen hat den großen Krieg nur knapp überlebt und wohnt mit ihrer Freundin und Geliebten Netai tief verborgen im Ebona-Wald in einer Ruine. Dieses Glück und die Zufriedenheit halten an, bis der Prinz des Reiches sie beim Baden in einem See aufstöbert. Konfrontiert mit Syens Vergangenheit kommt es nach der Begegnung mit dem Prinzen zum Streit zwischen den Gefährtinnen. Netai nimmt seine Bedingung an und begleitet ihn aufs Schloss, als Preis dafür, dass er Syen und sie in Frieden leben lässt.

Seine tatsächlichen Absichten erahnt sie nicht und ist geschockt, als er sie auf dem Fest im Schloss als seine zukünftige Braut vorstellt. Netai schafft es, dieser Situation zu entfliehen, aber der Prinz holt sie ein und verletzt sie schwer. Sie kann abermals entkommen und schlägt sich zur Ruine durch. Doch dort ereilt sie der nächste Schock. Syen ist nicht da, aber das ist nicht das Schlimmste. Auf dem Weg vom Schloss in den Wald scheint sie um Jahrzehnte gealtert zu sein. Das knallige Rot ihrer Haare ist schnell von dicken grauen Strähnen durchzogen. Ihre Kraft schwindet zusehends. Was ist geschehen? Wird sie Syen wiedersehen? Warum war Syen nicht an der gemeinsamen Wohnstatt?

Alle diese Fragen beantwortet Pointecker in ihrer Erzählung, aber sie macht noch mehr. Mit ausgeklügelten Formulierungen lässt sie ihre Leser immer wieder in die Köpfe der Beteiligten schauen. Und das ist das Besondere an diesem Buch. Während viele Fantasy-Erzählungen das große strapazierende Abenteuer im Fokus haben und alle dramatischen und auch weniger dramatischen Momente des Geschehens schildern, wählt die Autorin hier andere Wege. Dabei läuft die Geschichte hier nicht weniger dramatisch oder erschreckend ab, aber zwischendrin bleibt immer wieder mal Raum für einen sehr feinen Humor, den sie sich vom Leben selbst abgeschaut haben muss. Manche Wendung ihrer Geschichte kann eigentlich nur das Leben so unglaublich, aber wahr geschrieben haben. Und die Ironie des Lebens hindert die Geschichte nicht oder führt zu einem ungewollten Holpern. Sie bringt die Geschichte jedes Mal für einen kurzen Moment zu einem wohltuenden Stopp. Danach geht es gewohnt überraschend und fesselnd weiter.

Hier stehen nicht Strategie, Kriegsführung und Heerscharen im Mittelpunkt, sondern die einzelnen Protagonisten und das feine Geflecht derer Beziehungen untereinander. Zwar legt der Roman einen Fokus auf die Beziehung zwischen Netai und Syen, aber die anderen auftretenden Figuren wirken genau so tiefgründig und sind je nach Intention genau so liebevoll oder abstoßend gestaltet. Für manche von Syens Wegbegleitern weiß man recht schnell Menschen aus dem eigenen Umfeld, die unbesehen die einzelnen Rollen ausfüllen könnten. So wächst einem diese Geschichte auch schnell ans Herz.

Über nicht nur einen Mord führt die Autorin dann die Geschichte zu einem überraschenden, aber durchaus glaubhaften Schluss. Dass dieser recht anders ausfällt, als man oder frau sich das als Leser/in gewünscht hat, ist für die einen eine nachvollziehbare Wendung, für die anderen unangenehme Überraschung. Ein Schluss, der – soviel kann ohne Spoiler verraten werden – sicherlich nicht jeden Leser voll und ganz zufrieden stellt, aber auch da hat Pointecker beim Leben abgeschaut. Das stellt nämlich auch nicht immer jeden voll und ganz zufrieden.

Mein Fazit: ein wirklich lesenswertes Buch, auf das man oder frau sich gern einlassen sollte.

Ingrid Pointecker, Herbstsplitter, Lesbischer Fantasy-Roman, Taschenbuch, 196 Seiten,
Homo Littera Verlag, ISBN Printausgabe: 978-3-902885-25-8, ISBN pdf: 978-3-902885-26-5, ISBN ePub: 978-3-902885-27-2, ISBN PRC: 978-3-902885-28-9

 
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