Pathetisches Plädoyer für Monogamie

Auf dem Titelblatt des Buches „Endstation Wirklichkeit“ von Stephan Klemann aus dem österreichischen Homo-Littera-Verlag findet man Großstadt, Glitzerwelt, Filmleben, Landleben, junge Liebe und Dorf. Und zwar weil alles in diesem Buch vorkommt und bedeutsam für die Geschichte ist. Nicht nur, dass der Titel pathetisch klingt, er wird auch recht pathetisch präsentiert. Die beiden küssenden Jungs auf dem Bild werden also irgendwann in der Wirklichkeit der hinten abgebildeten Großstadt ankommen?

Und so zieht einen das Cover direkt in die Geschichte, die auch gleich mit unerfüllten Träumen beginnt. David steht auf einer Brücke über eine Bahnstrecke und wartet auf den 6-Uhr-Zug. Den Grund erahnt der kluge Leser bereits in den ersten Zeilen von Klemann, und das ist klug gewählt. Immer wieder zu Beginn eines Kapitels springt er an diesen Punkt zurück und lässt die Geschichte Revue passieren, die dahin geführt hat, dass David nun kurz davor ist, sein Leben zu beenden.

Die unerfüllten Träume des jungen David, der in einem Nest außerhalb von Los Angeles lebt, sind die Auslöser. Er möchte in die Stadt, zum Film, was erleben. Sein Freund und Geliebter Alan liebt dieses Landleben jedoch und möchte weder weg noch diese Idylle durch ein Outing aufs Spiel setzen. Die Beziehung zerbricht, ein Outing geht schief, und David ist auf dem Weg in die große Stadt.

Der amerikanische Traum: Junge kommt in Stadt, es ist natürlich nicht leicht, muss sich durchschlagen, mit Jobs, wenig Chancen und der immer bangen Frage, wann der Punkt kommt, an dem man besser aufgibt und geht. So bekommt er zufällig Kontakte zum schwulen Pornofilm und lernt dort Mike, den Tonmann, kennen und schnell lieben. Und als wäre mit Mike das Glück in sein Leben getreten, kommt auch die Chance. David hat seinen Durchbruch in einem „echten“ Film. Doch dann das: David dreht für einen weiteren Film in Moskau, Mike ist in Los Angeles geblieben. Ein Hotel, Alleinsein, ein attraktiver Kellner, falsche Voraussetzungen, falsche Zeit, falscher Ort, ein Leben verpfuscht.

In diesem Buch werden Klischees bemüht, die aber treffen und zu einer sinnvollen Geschichte zusammengefügt wurden. Den pathetischen Schreibstil von Klemann muss man mögen, sonst nervt er. Mir hat er sehr gut gefallen, denn die Geschichte deutet es schnell an und bestätigt am Schluss: Zentrales Thema ist die Monogamie. Und die zwar pathetische, aber auch verständliche Forderung: Wer sie vereinbart, der sollte sie auch einhalten.

Nun ist die monogame Beziehung dem Großteil der Community ja so zugänglich wie dem Teufel das Weihwasser. Das greift Klemann aber auch nicht an oder verurteilt es. Es scheint lediglich sein Ideal einer Beziehung zu sein, so wie er sie beschreibt. Fraglich ist daher, ob die Community sich überhaupt traut, so etwas zu lesen, oder es als Spinnerei abtut. David und Mike wollten die Monogamie, und David hat sich nicht dran gehalten. Das bringt den Zwist, den Ärger, die Enttäuschung und das Unglück über die beiden Männer. Und ebenso pathetisch wie unversöhnlich wird hier für die Monogamie plädiert, denn in ihr liegt die Bereitschaft, sich voll und ganz an einen Mann zu binden, ohne Hintertür und Ausweichmöglichkeit. Die pathetischen Zeilen passen zu der Größe des Traumes, mit dem der Autor seine Seiten füllt. Und sie passen auch zu dem Traum, den er dem Leser einflüstert. Es muss doch da draußen den einen Mann für mich geben, mit dem das auch für mich möglich ist? Wer ihn noch sucht, der wird nach diesem Buch gern weiter suchen. Wer ihn schon hat, wird beim Lesen an seine Seite oder auf das gemeinsame Foto schauen und sich einfach nur sagen: „Geht doch!“

Ein tolles Buch, das mit 9,90 € für 136 Seiten broschiertes Format auf den ersten Blick nur noch so halb im Rahmen liegt. Der Mut, dieses Geld für das Buch dann auszugeben, wird aber mit einer mutigen und schönen Geschichte belohnt, die in der heutigen „Ich-kann-doch-alles-und-jeden-vögeln-wenn-ich-es-nur-will-Welt“ ihresgleichen sucht.

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