Rezi: Weil ich so bin - Stefan Hölscher

Just another Coming-Out-Book? Mitnichten!

Wer sich rechtfertigt, klagt sich an! Ein schönes Sprichwort, das die deutsche Sprache da so entwickelt hat. Da mag es verwundern, dass ausgerechnet eine „weil“-Antwort als Titel für dieses Buch aus dem Geest Verlag gewählt wurde. 44 Geschichten wurden im Rahmen des 4. Stefan-Hölscher & Geest-Verlag Literaturwettbewerbs 2017/2018 ausgewählt und fanden ihren Weg in diese Anthologie. Darunter sind auch die ersten 5 Preisträger zu lesen. Zusätzlich haben drei Jurymitglieder außerhalb des Wettbewerbes noch Geschichten zugesteuert.

Was als erstes positiv auffällt, dieses Buch geht nicht nach der Gewinner-Strategie vor. Die Preisträger stehen nicht exklusiv am Anfang oder am Ende. Durch eine alphabetische Reihenfolge sind sie für jeden einfach so zwischen den anderen Teilnehmern in Reihe zu finden. Man kann also sich selbst ein Urteil bilden und auch eine eigene Wertung vornehmen.

Von Laut bis Leise, Groß bis Klein, gewunden oder gradlinig

In „Gegenüber, hoch oben“ streift der Leser mit einer Frau nach dem allein aufwachen durch eine fremde Wohnung. Schnell wird klar, dass das Tageslicht nun auf all das scheint, was diese Wohnung ausmacht, aber auch auf das, was da gestern Abend geschehen ist. Liebevoll werden die einzelnen Dinge in der Wohnung beschrieben. Geradezu zärtlich streichelt die Autorin mit ihren Worten eine leere Kaffeetasse, die die Geliebte vor einiger Zeit unbeachtet abstellte. Mit ihrem Streifzug durch die Wohnung wird die andere Frau, die morgens zur Arbeit ging, immer vertrauter. Das vorbereitete Frühstück strahlt geradezu in der liebevollen Morgensonne.

So locker und ungezwungen ist die Geschichte „Strathaus“ auf keinen Fall. Die Leserin begleitet hier den Autor in seine länger zurück liegende Kindheit und Jugend. Ein immer gepflegter und korrekter Lehrer wird hier zur Inspiration für einen schwärmenden Schüler. Während die Mutter das Wehklagen anfängt, der Vater fortan seinen Namen nicht mehr benutzt, reicht ihm der Lehrer nach einem zaghaften Öffnungsversuch ein altes, abgegriffenes Buch. Diesem Buch sieht man an, wie wichtig es dem Besitzer war, und doch schenkt er es dem jungen Mann „um Anregungen zu finden“. Das war mehr als die übliche korrekte Haltung eigentlich zuließ und mit dieser einfachen Geste beeinflusste er ein Leben.

Gleiches Thema – Völlig Verschieden

Insgesamt 47 Geschichten sind in diesem Buch zu lesen und laden in verschiedenste Lebenssituationen ein. Immer wieder nehmen die Autoren uns mit in einen der intimsten Momente ihres Lebens, in dem sie sich selbst oder auch anderen Menschen gegenüber eingestehen, dass sie dem eigenen Geschlecht oder beiden zugeneigt sind. Aber das sind nicht die einzigen Faktoren, die ein Coming out erfordern. Das Leben in einem falschen Körper zählt dazu genauso, wie andere Abweichungen von der „Norm“.

Und so gleich der eigentliche Moment des ausgeliefert seins nach der Eröffnung ist, so verschieden sind die Reaktionen der Menschen. Von der Morddrohung bis zur absoluten Zurückhaltung ist irgendwie alles vertreten. Aber auch die unterschiedlichen Schreibstile machen dieses Buch so lesens- und liebenswert. Neben ganz geschliffener und gewählter Sprache kann direkt eine Geschichte wie aus dem Hinterhof des Lebens in einfach dahin geworfenen Worten überraschen.

Braucht es denn immer noch Coming-Out-Bücher?

In unserer aufgeklärten und sichtbaren Zeit für LGBTIQ stellt sich diese Frage doch schon, ob damit nicht ein Buch produziert wird, ein Wettbewerb ausgetragen wird, den man eigentlich nicht mehr braucht, oder doch? Die Antwort darauf liefert direkt das erste Geleitwort und im Folgenden jede einzelne Geschichte für sich: JA! Wir brauchen das! Nur, weil es hier in Deutschland inzwischen so einigermaßen unkompliziert ist, heißt es nicht, dass es überall so ist und gibt man der Wahrheit die Ehre, so hat fast jeder in seinem Umfeld den Einen oder die Andere wo man vielleicht nicht unbedingt wert drauf legt, dass da was bekannt wird. Und so lange wie es nicht jedem von uns auf dieser Welt egal sein kann, ob er oder sie oder inter nun LGBTIQ oder einfach nur hetero ist, so lange brauchen wir diese Coming-Out Bücher.

Beim Zuklappen des Buches wird man dann auch verstehen: Der Titel ist gar keine Rechtfertigung. Keine selbst vorbereitete Anklage frei zur Verwendung für jeden, der etwas gegen den geouteten sagen möchte oder haben will. Es steht nicht als rhetorisches Mittel gegen die Hauptperson zur Verfügung.
Nein, dieser Titel ist das erstmalige Abperlen von Vorwürfen oder Anklagen an dem betroffenen Menschen. Und das wird eben einfach nur mit einem lapidaren „Weil ich so bin!“ begleitet.

Bravo!

 

Weil ich so bin
Stefan Hölscher Hrsg.
Geest Verlag
Taschenbuch 284 Seiten          12,50 €

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