Reise
   11 Jahre
Foto: Yanan Li / Stockholm Visitors Board

Hier steppt der Elch

Wer seine Schwedischkenntnisse aus dem bekannten Einrichtungshaus bezieht, dürfte diesen beiden  Wörtern noch nicht begegnet sein: Denn "Bög" oder "knullar" heißen weder Regalsysteme noch Lampenschirme - und das aus gutem Grund. Bög ist der schwedische Ausdruck für einen Schwulen und knullar der (durchaus sympathisch klingende) Begriff dafür, was ein Bög nach landläufiger Meinung den ganzen Tag tut oder zumindest gern täte. Jedenfalls waren es die ersten Wörter, die  mir ein wohlmeinender Herr kurz nach Eintreffen in der schwedischen Hauptstadt Stockholm Augen zwinkernd als angeblich "die wichtigsten" ins Ohr flüsterte.

Schluss mit den Klischees

Dieses These erwies sich allerdings als ebenso haltlos wie die Vorstellung meiner Freundin Carola, dass es in diesem Land praktisch den ganzen Tag dämmere oder meiner heimlichen Hoffnung, die ganze Stadt wäre bevölkert mit ganzen Basketballmannschaften blonder Hünen. Also: Schluss mit den Klischees! Denn im bevölkerungsreichsten Staat Skandinaviens kann man wahrlich mehr tun als den lieben, langen Tag im Halbdunkeln blonden Börgs hinterher zu jagen.

Das gilt besonders für seine Haupstadt: Stockholm im Sommer ist bunt, fröhlich, kulturell vielfältig und ein rundherum charmanter Anblick. Für den sorgen nicht nur royale Paläste, viele Grünflächen oder beeindruckende Bauten, sondern auch das allgegenwärtige Wasser. Für dessen intensives Blau ist übrigens die tief stehende Sonne zuständig, die hier eine reizvolle optische Täuschung zaubert.

Lager und Schlager

Keineswegs eine optische Täuschung sind hingegen die Regenbogenflaggen, die hier zu Zeiten des Gay Pride Ende Juli/Anfang August überall in der Stadt hängen. Ob vor dem Nationaltheater, auf Brücken, an Gebäuden oder sogar an den städtischen Buslinien: Das Symbol der schwul-lesbischen Community lädt Touristen aus ganz Europa zum Feiern in den Norden. Eine Einladung, die ernst gemeint ist und von Stadt und Staat sowie ansässigen Geschäftsleuten, Künstlern oder Hoteliers gern gefördert wird.

Nicht umsonst findet in der größten Stadt Skandinaviens auch dessen größter Gay Pride statt. Rund 40.000 Teilnehmer zählt die Parade, die alljährlich von mehreren Hunderttausend Schaulustigen verfolgt wird und in der auch skurrilere Gruppen wie die schwulen Hundebesitzer oder die queeren Laktose-Intoleranten ihren Platz finden. Dabei ist die Erfolgsgeschichte des Stockholm Pride gerade mal zwölf Jahre alt: Der Startschuss dazu fiel beim EuroPride 1998, dessen Gastgeber die Schweden waren. Seitdem ist der queere Feier-Tag aus der Stadt nicht mehr wegzudenken und lockt Besucher aus ganz Europa an.

Im Pride Park, etwas außerhalb der Stadt, wird vier Tage lang im großen Stil gefeiert. Hier stehen drei Bühnen, auf denen sich reihenweise durchaus prominente Bands und Künstler zu Mottoabenden wie der besonders beliebten Schlagernacht das Mikro in die Hand geben - in diesem Jahr war übrigens "unsere" Eurovision-Gewinnerin Lena als Überraschungsgast mit von der Partie! Dazu kommen Verkaufsstände, Ausstellungen und Infozelte, in denen unter anderem die schwedische Armee, die Feuerwehr oder die Polizei Nachwuchs aus schwul-lesbischen Reihen anwerben.

Nicht zuletzt: die ausgelassene Stimmung bei Lagerbier lässt sogar vergessen, dass der Eintritt mit rund 40 Euro pro Abend recht üppig bemessen ist. Bei aller Party kommt die Politik nicht zu kurz: das kommunal verwaltete Kulturhaus der Stadt wird eine ganze Woche lang zum Pride-House, wo Dutzende von Talks, Diskussionen, Aktionen und Ausstellungen angeboten werden. So ist das regenbogenfarbene Spektakel aus Politik und Party für die Organisatoren auch kein Verlustgeschäft: die Kosten von rund einer Million Euro bereiten ihnen dank zahlreicher Sponsoren und gut besuchter Veranstaltungen keine schlaflosen Nächte.

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