Kultur
   7 Jahre
Foto: Kirsten Lilli ©2016

Daddy of the Teddy im inqueery-Interview

Der Rückblick auf die Berlinale 2016 ist der Rückblick auf 30 Jahre Teddy-Awards.
Vom Erfolg des crossover Feierns für die Geschichte dieser weltweit bekanntesten queeren Filmpreise, und was die queer academy und das legacy-project für das queere Filmkunsterbe für die Zukunft anvisiert, erzählt Wieland Speck,  Leiter der Berlinale-Sektion Panorama, und bekannt als Daddy of the Teddy, im Gespräch mit Kirsten Lilli.

Danke für das Interview für die LeserInnen von inqueery.
Zeit ist ja ein wichtiger Faktor im Leben der Berlinale-KuratorInnen:
Über 7000 Filmeinreichungen, das ist ja gigantisch. Wie läuft da der Auswahlprozess?

Wieland Speck: Etwa 25 Leute weltweit brechen das runter auf etwa 800 bis 1000 Filme, und das ist das, was ich kucke. Seit vielen vielen Jahren. Auch früher als die Gesamtzahl 1500 war, die uns angeboten wurde. D.h. ich hatte wirklich das Gefühl, ich weiß Bescheid. Das weiß ich jetzt nicht mehr. Ich kann nicht mehr kucken als das, aber das ist inzwischen nur ein Bruchteil des Gesamtvolumens. Deshalb gibt es viele Meetings und Berichte, die mich dann informieren, über das, was ich nicht sehen kann.

Und worauf achten die Sichtungsbeauftragten dann?

Wieland Speck: Das sind enge Mitarbeiter. Viele von denen sind auch bei mir Moderatoren, d.h. sie stehen auch auf der Bühne, wie ich auch. Man kriegt dort das direkte Feedback über das, was man ausgewählt hat. Und wenn man das ein paar Jahre macht, dann hat man eine ausgebildete Intuition an der Stelle zu wissen, einerseits was unser Stil ist, was wir wollen, was wir brauchen, um das machen zu wollen, was wir tun, und zum anderen, was der Filmmarkt braucht, und was die Berliner uns abnehmen. Das sind die Segmente: die Festivalmacher, die Presse, die Einkäufer und die Cineasten aus der ganzen Welt.

Abgesehen von den Faktoren, die auf langjähriger Erfahrung basieren und aktuellen Trends: Was grenzt das Panorama vom Wettbewerb ab? Wie sieht es mit lgbti / queeren Filmen aus?

Wieland Speck: Man hat jedes Jahr mehrere Schwerpunkte, die man aber erst findet, wenn man das Programm zusammenstellt.
Anders ist es bei dem queeren Fokus, den haben wir jedes Jahr.  Das liegt daran, dass Manfred Salzgeber, der die Sektion gegründet hat und mich im allerersten Jahr schon eingeladen hat als Filmemacher und im zweiten Jahr als Mitarbeiter, dass wir schon längst vor der Gründung der Sektion Panorama queere Filmarbeit gemacht haben. Dass das eben auch unser persönlicher Fokus ist, unsere Motivation. Das Programm ist natürlich kein queeres Programm, aber es ist das internationale Großfestivalprogramm, das am meisten queere Filme zeigt, und das seit 1980. Das hat dazu geführt, das weltweit die Menschen, die mit queerem Film arbeiten, nach Berlin kommen, zur Berlinale, um a) hier die neuesten Sachen zu sehen, und b) um andere Fachkräfte zu treffen, die mit queerem Film arbeiten. Das ist dann auch immer eine Kompilation aus den verschiedenen Erfahrungen dieser Herkunftsländer, wo die Emanzipationsstati extrem unterschiedlich sind: Beim einen wirst Du noch totgeschlagen, beim anderen darfst Du fast heiraten. Dazwischen spielt sich das ab. Es gibt kein Land, wo die Emanzipation erreicht ist. Aber es gibt Länder, die wesentlich weiter sind als Deutschland. Aber Deutschland ist natürlich ein Ort, wo man am Leben bleibt, von daher ist das schon ein privilegierter Ort, gemessen an der großen Mehrzahl der Orte,  die es auf der Erde gibt.

Die größten filmischen Knochen schleppe ich natürlich vor die Tür des Wettbewerbs. Da bin ich selber auch im Gremium, und hoffe dann, dass sie das Komitee inspirieren in eine bestimmte Richtung oder dass sie den Film, den ich da anbringe, sogar annehmen. Wenn nicht, kann es gut sein, dass ich den Film dann im Panorama anbiete, oder vielleicht will ihn auch eine andere Sektion. Von daher ist es natürlich eine Beratungsgeschichte für die anderen Sektionen – vor dem Hintergrund, dass wir viele Delegierte in den verschiedenen Ländern haben, die für uns unterm Jahr arbeiten. Und wenn ich dann hinkomme, kucke ich dort die Vorauswahl an, die die gemacht haben. Der Löwenanteil wird einfach nach Berlin geschickt, und auch wiederum von Vorauswahlgruppen reduziert, auf eine Nummer, die dann der jeweilige Kurator schaffen kann.
Wettbewerb und Panorama bilden zusammen das offizielle Programm der Berlinale. Es gibt Filme, die könnten im Wettbewerb laufen, laufen aber im Panorama und umgekehrt, das gilt auch für das Forum.  Wir waren immer auch ein Komplementär zum Wettbewerb. D.h. wenn ich jetzt Filme finde, die im Wettbewerb laufen oder ich weiß, was im Wettbewerb läuft, und ich finde einen Film, der dieses Thema vertieft oder nochmal von der anderen Seite beleuchtet, was man der Presse dann auch so beschreiben kann, und ich möchte den Film haben, weil ich denke, dass der bei uns auch gut funktioniert, dann ist das auch mit ein Grund.
Es gibt irrsinnig viele Gründe, weshalb man 70x nein sagt, bis man 1x ja sagt. Das ist die Relation. D.h. unter diesen 70 ´Nein-Filmen´ sind natürlich auch noch andere gute Filme.
Von daher kommt  es darauf an, was man auch schon im Programmhat.  Und es kommt darauf an, wenn ich mir die verschiedenen Segmente meines Publikums vorstelle, wie die darauf reagieren, was die damit anfangen könnten. Ich möchte, dass die Filme auch ein Leben nach der Berlinale haben. Also kucke ich da drauf, dass die Filme beispielsweise auch mithilfe des Publikums die Filmmarktleute überzeugen. Das sind eben unendlich viele nicht beschreibbare Argumentationsketten, die da zusammenkommen, und eben auch sehr viele Stimmen von Menschen, die da dran arbeiten.

Mir ist aufgefallen, dass Länderprogramme im Panorama manchmal sehr vielschichtig sind. Und wenn man nur einen einzelnen Film davon sieht, es manchmal sogar fast problematisch ist, z.B. auch Filme, die homophob gelesen werden können. Wenn man aber mehrere aus diesem Länderprogramm sieht, es sehr interessant wird und vielseitige Bilder abgibt, weil beispielsweise der Homophobie auch eindeutige Bilder von queerem Selbstbewußtsein entgegengesetzt werden. Ist das Konzept?

Wieland Speck: Wenn man weiß, was man hat, dann beeinflusst das durchaus auch das, was man als nächstes einlädt, aber nicht unbedingt. Man kann auch Solitäre im Programm haben, ohne weiteres, da haben wir viele davon. Aber es ist schon schön, wenn sich etwas ergibt, dass sich dann auf eine Art und Weise stützt.
Wir haben beispielsweise einen Film, der um die Todesstrafe in Indonesien geht, aber von einem Brasilianer gedreht wurde, der in Indonesien in der Todeszelle saß und das gedreht hat. Das gibt zu den anderen brasilianischen Bildern ein Bild einer abgestürzten Taugenichtsgeneration in Brasilien, die in der Gegend rumgurkt und schlimme Sachen macht. Und wir wissen, wie blutig harte Drogen sind.  Man entwickelt da relativ wenig Sympathie für die Hauptfigur, und dennoch geht es eben um Todesstrafe. Und da ist es völlig wurscht, ob man den sympathisch findet oder nicht. Man muss sich dann selber ethische Fragen beantworten. Das ist auch etwas, was das Publikum bei uns relativ gut annimmt. Unser Publikum möchte mitarbeiten. Das ist für mich immer auch eine Motivation gewesen. Ich mache das jetzt seit 35 Jahren. Und es ist für mich selbst auch unvorstellbar gewesen, dass ich das so lange mache, und dass es auch so lange erfolgreich ist. Aber das ist, glaube ich, auch ein bisschen, weil man da einen gegenseitigen Respekt aufgebaut hat zwischen Publikum und Kuration.

Beim Panorama finde ich es manchmal ein bisschen schade, dass nicht zu allen Filmen die Q&As für ein späteres Publikum im internet zu finden ist. Gerade zu solchen Filmen, die  ethische Fragen aufwerfen und zu Diskussionen anregen.

Wieland Speck: Das kommt bestimmt. Noch sprengt das unseren Rahmen. Wir haben eine Dreiteilung im Panorama, und das Panorama Special, das seine Filmpremieren nicht am Potsdamer Platz hat, hat die Pressekonferenzen als Webstream, das sind dann bereits 18. Manchmal muss man sich Begrenzungen auferlegen. Wir zeigen 50 Filme jedes Jahr.  Die Zahl ist so hoch, weil sie sich bewährt hat. Sie garantiert eine Vielfältigkeit, und zwar von Production Value bis Content, von Ästhetik bis Erzählweise. Filme, die die Bedürfnisse des Marktes, die Bedürfnisse der Festivalmacher, die Bedürfnisse des Publikums auf diese Weise abdecken. Und das wollen wir ja auch. Ich suche ja nicht Filme, die möglichst gut laufen, sondern ich suche Filme, von denen ich der Überzeugung bin, dass die gesehen werden müssen. Und mit denen möchte ich mit meinem Publikum umgehen. Und am Ende der Gedankenkette steht natürlich möglichst viel Publikum. Der Markt will viel Publikum, weil dann verdient er Geld. Und ich will natürlich besonders viel Publikum, damit der Inhalt, den ich hier her bringen möchte, eben besonders gut verteilt wird. Da zieht man am selben Strang.

Da kommen wir zu den Teddy Awards, damit diese Inhalte möglichst gut verteilt werden, diese Film viel gesehen werden.  Gratulation zum 30jährigen Jubiläum, auf dass es so weitergeht und sich so weiterentwickelt, denn die Teddy Awards sind ja inzwischen in aller Munde.

Wieland Speck: Dankeschön. Ja, das haben wir geschafft nach 30 Jahren. Das zeigt, dass Durchhaltevermögen ein großer Teil des Erfolges ist.

Was ist denn der Ausblick auf die Zukunft?
Was sind die Ziele der Queer Academy, die ja noch nicht so bekannt ist?

Wieland Speck: Mit der Queer Academy versuchen wir, die Datenbanken zu vernetzen, alle Archivmöglichkeiten auszunutzen, wir gehen aber auch soweit, dass wir kucken, wie es mit der Restaurierung aussieht. Muß man Filme retten vor dem physischen Zerfall? Oder aber muss man sie retten davor, dass rechtemäßig, sich die Welt so weiterdreht, dass nachher gar nicht mehr ranzukommen ist, an die Filme, obwohl sie irgendwo liegen, aber niemand mehr da ist, der sich kümmert, oder sich jemand quer stellt. Gerade aus der Zeit mit AIDS sind viele Filme quasi herrenlos geworden. Oder aber wieder in die Hände einer Familie gefallen, die nicht dran erinnert werden wollen, dass sie mal ein schwules Kind hatten. Da gibt es viele Beispiele. Einige offene Fälle sind  aufgepoppt, als wir das Jubiläumsprogramm zusammengestellt haben. Da haben wir einige Filme nicht bekommen aus solchen Gründen.

- weiter geht das Interview mit Wieland Speck auf Seite 2 -

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