Bin ich schwul?

Schwulsein birgt bis heute Herausforderungen

Die Modewelt hat sich verändert. Schwule prägten die Mode-Avantgarde und verstanden es, sich perfekt in Szene zu setzen. Heute ist Mode einem Wandel unterworfen. Auffallen um jeden Preis ist mittlerweile eine hohe Kunst, denn was vor einem Jahrzehnt noch verpönt und „shocking!“ war, schockt längst nicht mehr. Die heutigen Schwulen gehen zum Discounter einkaufen, als wäre das schon immer so gewesen. Das Fingerspitzengefühl für Style und Farben, den viele homosexuelle Männer besitzen, verstand es, Frauen optimal zu beraten. Es gab keinen Mode-Fauxpas, denn der männliche Modeberater wusste, was Frau steht und wie man es perfekt kombiniert. 

Das Styling schwuler Männer hat sich ebenfalls geändert, seit der metrosexuelle Adonis die Kleiderindustrie auf den Kopf gestellt hat. Während die heterosexuellen Männer mittlerweile gelernt haben, dass die perfekte Kleidung die Karriere pushen und Frauen im Sturm erobern kann, scheinen Schwule ihre Liebe zur Mode zu vernachlässigen.

Der Anzug von Joop! oder Armani bleibt im Schrank, denn wer trägt Tommy Hilfiger, wenn die Sporthose von Adidas viel bequemer ist? Eine Flasche Becks am Kiez von St. Pauli ist ebenfalls out.

Mode als Orientierung für Identität und Lebensgefühl

Tatsächlich hat sich die Welt verändert, nicht zwangsläufig die Mode. Früher war es die Mode, die Schwulen geholfen hat, ihre Identität auszuleben. Schwul sein ist kein Tabu mehr wie vor zehn Jahren und so fällt der Drang, aufzufallen, zumindest modisch, weg. Hetero-Männer verstehen sich inzwischen gut darauf, den Schrank mit kleidsamen Anzügen zu füllen, während Frauen ihrem eigenen Geschmack vertrauen und auf sexy Unterwäsche von Mia-Mode setzen, um den Mann ihrer Träume rumzukriegen.

Angekommen?

Trotz der Unkenrufe hat sich die Schwulenszene etabliert. Verbesserungspotential nach oben besteht weiterhin, denn obwohl das Verständnis in der Bevölkerung zunimmt, gibt es immer wieder Zwischenfälle aufgrund anderswertiger sexueller Orientierung. Kritisch zeigte sich der bekannte Modedesigner Giorgio Armani vor einigen Jahren, der zugab, muskelbetonte Männer nicht sonderlich zu mögen.

Gesundheit und Stabilität seien die Werte an einem männlichen Körper, den er schätze. Seine Aussagen sind umstritten bei Schwulen, die sich durch seine Aussagen scheinbar gekränkt fühlen. Für Armani wäre ein homosexueller Mann ein Mann und das 100%ig, ohne das durch Kleidung überbetonen zu müssen. Es braucht keine Extradarbietung darüber, dass man schwul sei.

Homophobie außerhalb Deutschlands noch schlimmer?

Vor einigen Monaten sorgten Medienberichte aus Tschetschenien für Aufregung in der Schwulenszene in Deutschland. Eine regelrechte Hetzjagd auf schwule Männer wäre die Norm, gar Folter und geheime Gefängnisse. Die Regierung ignoriert die Tatsache, dass Homosexuelle in Tschetschenien leben, was jegliche Übergriffe negieren würde. Die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, ließ 1990 Homosexualität aus einer Auflistung von Krankheiten entfernen. Es brauchte noch drei Jahre, bis diese Aktion auch in Russland zur Kenntnis genommen wurde. 16 Jahre galt als Altersgrenze für die gleichgeschlechtliche Liebe.

Mit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 wurde die Situation schwuler Männer schwieriger. Das zeigte sich am Einfluss der orthodoxen Kirche und einem Propagandagesetz, das 2013 veröffentlicht wurde. Dieser stellt allein die Diskussion der Homosexualität in der Öffentlichkeit unter Strafe. Schwule sind damit jeglicher Willkür ausgesetzt im postsowjetischen Raum.

Mode als Ausdrucksmittel für Chancengleichheit

Shirts in Rosa oder Lila werden an schwulen Männern oft belächelt, aber ist das fair? Angesichts der Übergriffe in Tschetschenien macht es Sorge, dass Homosexualität in den Ländern weltweit unterschiedlich empfunden und dementsprechend auch verurteilt wird. Viele Veranstaltungen im Land wie die CSD und außerhalb der deutschen Landesgrenzen versuchen immer wieder, Menschen – egal welcher sexuellen Orientierung sie angehören – zusammenzubringen und damit für mehr Verständnis und Unterstützung zu werben. Hier wird nebeneinander gefeiert und gelacht, ohne dass es Ausfälligkeiten oder Streit gibt. Mensch bleibt Mensch, ob schwul oder hetero.

Schon im Kindergarten oder in der Schule wird die gleichgeschlechtliche Liebe mittlerweile thematisiert. Fazit ist die Erkenntnis, dass Kinder bedeutend wenigerBerührungsängste mit diesem Thema haben als ihre Eltern oder auch ältere Generationen. Das ist allerdings vom persönlichen Hintergrund, den eigenen Erfahrungen oder anderen Umständen abhängig, wie jemand auf Homosexualität reagiert oder was er darüber denkt. Ende Juni machte sich Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, stark für eine Gleichstellung homosexueller Paare bei der Ehe.

Warum sollten also Schwule nicht wie andere Pärchen heiraten und in einer Ehe ihre Beziehung leben können. Nach Becks Überzeugung wäre das eine Diskriminierung, wo Gleichberechtigung gefordert wäre.

17. Mai – Tag gegen Homophobie

2006 betonte das Europäische Parlament, Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung sei auf das Schärfste zu verurteilen. Schimpfworte wie „Schwule Sau“, die Kinder schwulen Männern gern nachrufen, sind ein deutlicher Angriff auf das eigene Selbstbestimmungsrecht. Es gilt, umfangreiche Aufklärungsarbeit zu leisten. Diese darf allerdings scheinbar nicht auf die Schule oder Ähnliches beschränkt sein, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft.

Wie die Vorfälle in Tschetschenien zeigen, sind Übergriffe, Verfolgungen oder Verhaftungen bis hin zu Hinrichtungen bis heute an der Tagesordnung. Tschetschenische Schwule fürchten um ihr Leben, denn sogar in der eigenen Familie ist es ein absolutes No-Go schwul zu sein oder sich als homosexuell zu outen.

In Deutschland wurde 1994 der § 175 gestrichen und die Homo-Ehe eingeführt, aber hier gibt es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Menschenrechtsverletzungen wie Hinrichtungen schwuler Jugendlicher in Iran oder Saudi-Arabien sind zu verurteilen. Das queere Leben wird immer mehr akzeptiert, aber es muss noch viel mobilisiert werden. Der Tag der Schwulen am 17. Mai ist ein guter Weg, aber nicht ausreichend.

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