Rezension - "Brackwasser" Paul Russel

Back to the 80ies, oder besser nicht? Nun diese Frage stellt sich bei Paul Russells Roman „Brackwasser“ aus dem Männerschwarm Verlag nicht wirklich. Die Geschichte spielt nämlich in den 80er Jahren in Poughkeepsie, einem kleinen Städtchen im nördlichen Speckgürtel von New York City. Und diese Kleinstadt ist genau das, was man von ihr erwartet. Sie ist langsam, leicht verschlafen und ruhig, also ganz genau das Gegenteil des brummenden und auch damals schon vor Geschwindigkeit vibrierenden Big Apple.

Die drei Stars, die keine sind

Anatole arbeitet im örtlichen Friseursalon, der natürlich nicht Friseur heißt, sondern „Reflexion“. So ein angesagter Name muss ja sein. Lydia verdient sich ihre Brötchen genau gegenüber in der Boutique „Elegance“. Während Anatole mit seinem Laden bei den Damen des Ortes immer wieder für Aufmerksamkeit sorgt, kann sich Lydia nicht wirklich über stressige Tage beklagen. Beide Anfang zwanzig, haben sie doch ganz unterschiedliche Lebenswege gewählt und fragen sich heute noch, ob nicht genau der andere Weg besser gewesen wäre. Während Anatole schon immer hier lebt und arbeitet, fragt er sich doch wie es wäre, wenn er eben nicht in dieser Kleinstadt versauern würde. Lydia hingegen hat den Schritt gewagt und ist in die große Stadt gezogen, dort aber kläglich gescheitert und nun wieder zurück im Schoße der Kleinstadt.

Dritter im Bunde: Chris, der den örtlichen Plattenladen, das „Über den Wolken“ betreibt. Er kommt von außen, war eines Tages einfach da. Ihn umweht von Anfang an der Ruch einer tragischen Liebesgeschichte. Mit einem Mann? Mit einer Frau? Wer weiß.

Der junge Gott der Fußgängerzone

Während sich für Anatole und Lydia alles nur um den Spaß im Leben zu drehen scheint, gibt sich der zugezogene Chris schon bedeutend ruhiger. Und doch trifft man sich regelmäßig im „Berties“ zum gemeinsamen Vernichten von Alkohol. Und davon passt eine Menge in die drei.

All diese schönen festgemauerten Strukturen kommen ins Wanken, als der junge Leigh in Poughkeepsie plötzlich in der Fußgängerzone auftaucht. Jugendlich, frisch und begehrenswert sitzt er plötzlich mitten zwischen dem „Reflexion“ und dem „Elegance“ auf der Main Street an einem trockenen Brunnen und lutscht einen Riegel gefrorener Schokolade. Bei über 30 Grad im Schatten. Lydia und Anatole stehen beide an den Fenstern des jeweiligen Ladens und lassen sich diesen Anblick auf der Zunge zergehen. Straßenköterblond, schlank, in Jeans und Tshirt könnte er einfach einer von vielen sein, ist es aber eben nicht. Später gibt es natürlich erst mal kein anderes Thema als diesen göttlichen jungen Mann. Es stellt sich raus, dass er Leigh heißt und ziemlich schnell verlegt er seinen Wohnort in Anatoles Wohnung.

Platzwechsel

Während Anatole und Lydia jeder von seinem Standpunkt aus diesem jungen Gott hinterher lechzen, stellt Chris irgendwann fest, dass er nicht mehr das Zentrum der Universen der beiden ist. Klammheimlich still und leise ist er abgelöst worden, von dem jungen, unbekannten und unbedarft scheinenden Leigh.
Nur zu gern lässt Anatole den Eindruck aufkommen, dass da was zwischen ihm und dem neuen jungen Mann in seiner Wohnung läuft, aber auch Lydia streckt nicht ganz erfolglos ihre Fühler aus. Den größten Erfolg könnte aber wohl Chris bei Leigh erzielen, denn er wirkt eher uninteressiert, was den göttlichen jungen Mann zu einem eher ganz und gar irdischen Angebot verleitet.

So ganz und gar Achtziger

Nicht nur seine Charaktere, auch die Umgebung und die geschilderten Abläufe sind mal sowas von Achtziger, dass selbst der eingefleischteste Fan zugeben muss, dass es sich um Klischees handelt. Da Russell diese aber nicht wahllos aneinander geklatscht hat, nimmt der Kenner direkt ab der ersten Seite wahr, dass sich alles an eine hintergründige Choreografie hält. Diese erscheint zwar auf Anhieb unbekannt, wirkt aber, je weiter sie sich entwickelt, immer vertrauter. Mit dem Eintreffen des unbekannten jungen Mannes dreht sich die ursprüngliche Dreiecksgeschichte und entwickelt sich neu.

Großes Lob für dieses extrem lesenswerte Buch aus dem Männerschwarrm Verlag gehört hier aber nicht nur dem Autor. Joachim Bartholomae hat sich mit dieser Übersetzung aus dem Amerikanischen wieder einmal als Schaffer von etwas Besonderem empfohlen. „Brackwasser“ wurde schon 1990 geschrieben, klingt aber in seiner deutschen Übersetzung keineswegs verstaubt. Der „Spirit“ der damals aufwachsenden Generationen wirkt zum Anfassen frisch und lebt in jeder Zeile. Auf diese Weise ins Hier und Jetzt übertragen wirken sogar die Massen an Alkohol, psychischen Verwirrungen und Selbstmordtendenzen wie Bestandteile eines ganz geordnet abgelaufenen Lebens. Auch dem Männerschwarmverlag sollte man an dieser Stelle ein aufrichtiges „Danke“ aussprechen. Solche außergewöhnlichen Bücher geben der queeren Literatur eine ganz besondere Facette.

 

Paul Russel
Brackwasser
Übersetzung
Joachim Bartholomae
Männerschwarm Verlag
Gebundene Ausgabe         24,00 €
E-Book-Version               16,99 €

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