Köln
   11 Jahre

Aufklärung und Aufregung

Seit ihrem ersten Heft vom 26. August 1956 hat die "Bravo" Generationen von pubertierenden Jungen und Mädchen durch ihre Jugend begleitet, von Anfang an mit einer Mischung aus Unterhaltungsthemen, Aufklärung und Beratungsangeboten. Zahllose Leser haben beim heimlichen Betrachten der legendären Serie mit nackten Altersgenossen zum ersten Mal bemerkt, dass sie die Bilder mit Vertretern des eigenen Geschlechts irgendwie viel spannender finden. Doch wie ist die "Bravo" selbst im Lauf der Jahrzehnte mit dem Thema Homosexualität umgegangen?

Andere Antworten

"Die Probleme mit dem Coming-out sind die gleichen geblieben, aber die Antworten sind andere", fasst Erwin In het Panhuis seine Forschungen zusammen. Für sein Buch "Aufklärung und Aufregung. 50 Jahre Schwule und Lesben in der Bravo" hat der Bibliothekar und Mitarbeiter des Centrums Schwule Geschichte rund 1.000 Beiträge untersucht und stellt die Ergebnisse bis zum 2. Oktober in einer gleichnamigen Ausstellung in der evangelischen Christuskirche vor. Die Schau ist unterteilt in die Bereiche Aufklärung, Musik und Film sowie Vergleiche mit anderen Jugendzeitschriften. Zahlreiche Exponate von historischen Ausgaben, "Star-Schnitten" und Original-Leserbriefen bis hin zu einem 1980er-Jahre-Jugendzimmer illustrieren die Entwicklung des Magazins.

"Der Umgang mit Homosexualität in der Bravo war immer auch ein Gradmesser für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung", berichtet In het Panhuis. Homosexualität wurde erst ab Mitte der 1960er Jahre überhaupt zum Thema, nämlich als krankhafte Normabweichung, die es zu "heilen" galt. 1969 begann dann die Ära des berühmten "Dr. Sommer" (alias Dr. Martin Goldstein), der einen offenen Umgang mit Sexualität propagierte. "Ausgerechnet als Goldstein von seinen eigenen gleichgeschlechtlichen Erfahrungen als 12-Jähriger berichtete, wurde die 'Bravo' 1972 erstmals als jugendgefährdend indiziert", erzählt der Autor und Ausstellungsmacher.

Dr.-Sommer-Team sagt hallo

Nachdem Goldstein sich mit der Redaktion überworfen hatte, übernahm ab 1984 das sogenannte "Dr.-Sommer-Team" die Aufklärungsseite. In Het Panhuis meint, das hätte einen recht guten Job abgeliefert. Gelungen sei die Serie mit den jugendlichen Nackten: "Hier wird nicht dem gängigen Schönheitsideal gehuldigt, sondern werden ganz normale Jungs und Mädchen gezeigt, so werden die Leser nicht unter Druck gesetzt, perfekt sein zu müssen", meint In het Panhuis. "Zum Thema HIV und AIDS wurden aber teilweise unverantwortliche Falschaussagen gemacht. Spannend sei, welchen Einfluss konservative Kräfte im Zusammenhang mit der neu aufgekommenen Pädophilie-Debatte hier zukünftig nehmen könnten.

Eine zu enge Anbindung sei bewusst vermieden worden. "Wir haben ganz bewusst nicht mit der 'Bravo' in dem Sinne zusammengearbeitet, dass wir um Erlaubnis für das Projekt gefragt hätten", erläutert In het Panhuis. "Die Redaktion wurde wie alle anderen Medien informiert, und auf harmlose Fragen erhielten wir auch professionelle Antworten. Sobald es heikel wurde, blieb die Reaktion jedoch aus."

Ergänzt wird die Schau durch ein spannendes Rahmenprogramm: Unter anderem ist am 1. Oktober der heute 83-Jährige Martin Goldstein persönlich zu Gast in der Christuskirche. Sein letztes Buch nennt der übrigens selbst "ein Plädoyer zur Abschaffung des Dr. Sommer"...

 

Bravo-Ausstellung, 26.07.-02.10. (jeweils Mi-Sa), 15.00-20.00 Uhr, Christuskirche Köln, Werderstr. 11, 50672 Köln. Führungen samstags jeweils um 15.00 Uhr. Kostenbeitrag: 3 Euro. Alle Veranstaltungen zum Rahmenprogramm im Terminkalender.

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