NRW
   10 Jahre
Foto: Tablediver / Photocase.de

Klima der Pseudotoleranz

"Viele fühlen sich alleingelassen und isoliert"

Gerade die Phase des Coming-outs stellt für viele Jugendliche eine ernstzunehmende Belastung dar, weiß Jana Hansjürgen von ihrer alltäglichen Arbeit. Als Leiterin des schwul-lesbischen Jugendzentrums PULS in Düsseldorf erlebt sie die Nöte und den Druck, der auf ihren Schützlingen lastet, wenn zu den typischen Pubertätskrisen auch noch der Faktor "schwul" oder "lesbisch" dazukommt: "Manchmal bin ich die erste Person, der die Jugendlichen anvertrauen, dass sie glauben, schwul oder lesbisch zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt tragen einige diesen Gedanken schon lange mit sich herum, ohne mit jemandem darüber sprechen zu können. Viele fühlen sich alleingelassen und isoliert."
Das Aufeinandertreffen mit Gleichaltrigen im Jugendzentrum empfänden die meisten als "Befreiungsschlag", erzählt Jana. "Die platzen fast vor Glück, endlich andere Jugendliche kennenzulernen, die in der gleichen Situation sind."

Dass inzwischen einige geoutete Schwule und Lesben den Weg bis in die Spitzenpositionen der Politik und Medien geschafft haben, spiele im Bewusstsein der Jugendlichen meist keine Rolle, so die Sozialpädagogin. "Aus meiner Erfahrung sind konkrete Rollenvorbilder, mit denen sie über ihre Situation und ihre alltäglichen Probleme in Schule oder Familie sprechen können, viel wichtiger. Ein schwuler Politiker ist weit weg und die Jugendlichen sehen hier wenig Berührungspunkte mit ihrem eigenen Leben."

Der Gang zur Schule ist für viele Besucherinnen und Besucher des Jugendzentrums regelmäßig mit Problemen verbunden. "Ein Klima der Pseudotoleranz" herrsche dort oft, meint Jana. "Junge Lesben müssen sexualisierte Anmache durch Mitschüler, Schwule blöde Sprüche oder Beschimpfungen über sich ergehen lassen." Lehrer seien auch heute noch nicht hinreichend geschult, Schulbücher behandelten das Thema Homosexualität häufig nur im Biologieunterricht. Und es gebe sehr wenige offen schwule Lehrer oder lesbische Lehrerinnen, die Jugendliche dazu ermuntern könnten, zu ihrer Sexualität zu stehen. Die Sozialpädagogin hat zuweilen das Gefühl, die Toleranz in den Schulen nehme sogar wieder ab: "Es gibt heute so viele unterschiedliche Lebensentwürfe, familiäre Bindungen sind instabil und viele junge Menschen sind einfach unsicher, was ihre eigenen Werte und Vorurteile angeht."

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